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eisstoss: ein naturschauspiel mit zerstörungskraft

Die letzten Jahre hörte man kaum vom winterlichen Naturereignis Eisstoß. Kein Wunder, braucht es für seine Entstehung auch dauerhafte Minusgrade im zweistelligen Bereich mit anschließendem Tauwetter.

Eine Wetterlage, die in den letzten Jahren selten vorkam. Doch im heurigen Jänner – dem kältesten seit dreißig Jahren – und dem darauffolgenden warmen Start in den Februar, waren diese Voraussetzungen gegeben. Und so waren durch herumtreibende Eisschollen, die sich beim Zu­sammentreffen auf- und untereinander zu bizarren Eisskulpturen stapeln, erstmals wieder Eisstöße auf heimischen Flüssen zu sehen. Diese sind aber nicht nur faszinierend anzuschauen, sondern bergen durch ihre eisige Massivität ein gefährliches Potenzial für Über­flutungen und eine enorme Zerstörungskraft.

Das Naturphänomen Eisstoß und dessen Beherrschung und Regulierung gaben der Donau das Antlitz, das sie heute in ihrem Wiener Abschnitt hat. In strengen zweigleisigen Bahnen durchfließt sie die Stadt – mit Ausnahme der Alten Donau, die als „Ausreißer“ die Geradlinigkeit durchbricht. Das war nicht immer so. Etwa vor 150 Jahren sah der Verlauf der Donau noch ganz anders aus. Die Donau war ein mäanderndes Ge­wässer, das sich mit seinen vielen Flussschlingen über große Teile des Stadt­gebiets breitete. Es verschlang in seinem wechselhaften Verlauf Flussinseln und ließ woanders welche entstehen und drohte bei seinem Überlaufen den Wohnraum der Donauanrainer den Fluten zu übergeben. So waren im 19. Jahrhundert die regelmäßigen Überflutungen der Donau keine Seltenheit. Die größten und verheerendsten Dimensionen aber erreichten die Hochwässer aufgrund des eingangs erwähnten Naturphänomens. Es handelt sich dabei um Eisstoß – ein Natur­ereignis, das das übermäßige Auftürmen von Eisplatten und -stücken auf Gewässern bezeichnet.

Produkt spezieller Wetterverhältnisse
Eisstöße entstehen durch bestimmte Wettereinflüsse: Nach einer längeren Kälteperiode (ab etwa einer Woche lang kälter als -10 Grad Lufttemperatur), beginnt die Donau zu gefrieren. Was mit Randeis im seichten Ufer­bereich beginnt, wird nach dem sogenannten Eistreiben eine durchgängig zugefrorene Ob­er­fläche. Nach einigen Jahren mit sehr milden Wintern – so gab es auf der österreichischen Donau im letzten Winter nicht einmal Randeisbildung – fror die Oberfläche des Flusses heuer wieder zentimeterdick zu.
Tritt nach einer solchen Kälteperiode plötz­liches Tauwetter ein, brechen die Platten an der Wasseroberfläche. Wenn keine Hindernisse im Fluss sind, so können diese Eisplatten ohne weiteres als Treibeis weggeschwemmt werden. Stoßen sie aber auf eine gefrorene Eisdecke, stauen sich die Eisplatten – die ­bewegten Eisschollen beginnen sich mit großer Kraft teils meterhoch unter- und übereinander zu stapeln. Eisstöße kommen sowohl bei großen Flüssen, wie der Donau, aber auch bei kleineren, wie an der Großen Krems oder der Thaya im niederösterreichischen Waldviertel vor.
eisige barriere sorgt für hochwassergefahr
Die Eisstöße können so anwachsen, dass sie zu undurchdringlichen Barrieren für das nachfließende Wasser werden. Der Rückstau hat dann Hochwasser im oberen Uferbereich zur Folge. Wird der Wasserdruck so hoch, dass der Eisstoß von alleine bricht, so kann fluss­abwärts eine Flutwelle entstehen.
Und so geschah es auch in Wien im frostigen Winter 1830. Im Vorort Stadlau hatte sich nach wochenlanger Kälteperiode mit Temperaturen bis zu -22 Grad und plötzlichem Einsetzen von Tauwetter ein Eisstoß gebildet – Wasser staute sich innerhalb kürzester Zeit auf. Als der Wasserdruck zu hoch wurde, brach der eisige Damm und ergoss sich innerhalb von Minuten über die Stadt. 74 Menschen starben bei der Naturkatastrophe, beinahe 700 Gebäude wurden zerstört. Dieses und zwei weitere verheerende Hochwasser aufgrund von Eisstoß führten zur Umsetzung der Donauregulierung – und damit auch zu dem heutigen Aussehen des Flusses in seinem Wiener Abschnitt. In einem gewaltigen Bauvorhaben erhielt er in den Jahren 1870 bis 1875 ein neues Strombett.

Zerstörung von Bauwerken
Die Gefahr einer Naturkatastrophe solchen Ausmaßes ist in Wien gebannt. Auch wenn heute der Begriff Eisstoß in Mitteleuropa kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und dieses Phänomen aufgrund der klimatischen Gegebenheiten der letzten Jahre nicht aufgetreten ist, sollte man die Kraft des Eises nicht unterschätzen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Überflutungen häufig mit Eisstößen verknüpft sind.
Da sich die Eisstöße nicht nur bei natürlichen Hindernissen bilden, etwa bei einer noch festgefrorenen Eisplatte, sondern sich auch bei menschengemachten Barrieren aufstauen, kann es zu massiven Schäden an gerade diesen kommen. Neben Brücken- bzw. Brückenpfeilern sind insbesondere Wehranlagen betroffen. Hier kann es wegen des andauernden Zustroms von Eis zu Verklausungen kommen und infolgedessen zu Beschädigungen. Durch vermehrte Eisbildung wird der Durchfluss stark gebremst, was zu einem Rückstau führen kann.

Kontrollen unter widrigsten Bedingungen
Eine Grundlagenstudie zur Eisstoß-Problematik an Krems und Thaya analysiert die Thematik an den beiden Flüssen – kommt aber zu dem Schluss, dass es leider keine „Musterlösung“ für das Problem gibt. Um diesem Naturphänomen besser begegnen zu können, sind noch intensive Forschungstätigkeiten notwendig. Wichtig für die Bewertung der aktuellen Situation sind die Ergebnisse der Abflussmessungen bei Eisbildung an Gewässern. Eine Belastungsprobe für die Hydrologen wie für die dafür benötigten Geräte: Diese kommen bei extrem tiefen Temperaturen und geschlossenen Eisdecken an die Grenzen ihrer Funktionalität. Trotzdem wird versucht, diesen temperaturbedingten Erschwernissen durch verstärkte Kontrollen entgegen zu treten und lückenlose, möglichst genaue Aufzeichnungen der natürlichen Verhältnisse zu erhalten. Nur so ist es möglich, Vergleiche anzustellen und die aktuellen Gegebenheiten mit historischen Ereignissen zu vergleichen.

Eisbrecher sorgen bei dringendem Bedarf für freie Schleusen und Kraftwerke
Da der Eisstoß ständig in Bewegung ist, stellt ein Bearbeiten eine große Gefährdung dar. Wird ein Rückstau aufgrund von Eisstoß an einer Wehranlage wahrgenommen, kann die Eisschicht manuell entfernt und mit Maschinen abgetragen werden. Kontrollierte Eisstoß-Abgaben und auch ein prophylaktisches Eisstoß-Rückhaltebecken können die Gefahr von Beschädigungen an Wehranlagen und anderen Baukörpern minimieren.
Für Kraftwerke ist eine gefrorene Wasserschicht kein Problem, solange unter der Eisdecke die Turbinen ungestört laufen. Solange der Einlauf der Turbinen frei ist, besteht somit keine Gefahr. Sollte es jedoch nötig sein, befreien etwa an den Donaukraftwerken Eisbrecher das betroffene Kraftwerk von der frostigen Umklammerung – an allen Kraftwerken an der Donau liegt zumindest ein Eisbrecher verankert.
Wasserkraft bedeutet eine Fülle von Verantwortung rum um die Stromerzeugung. Wenn alle über den Kälteeinbruch reden, messen die Spezialisten vom Energielieferanten Verbund die Wassertemperatur an der Donau und machen bei den Eisbrechern „Klar Schiff“.
Die Donau ist nicht nur Energielieferant, sondern auch die wichtigste Ost-West-Verkehrsachse in Europa. 10 Mio. Tonnen Güter schippern jährlich an der Donau hinauf oder hinunter. Jeder Tag Stillstand bedeutet hier neben quälender Wartezeit für die Schiffs­besatzung auch herben Verlust für die Wirtschaft. Verbund verfügt über die größte Flotte an der Donau. Herzstück sind acht Eisbrecher, die im Notfall ausrücken können. Die meisten Eisbrecher zerstören das Eis mit dem Schiffskörper wobei eine Unwucht-Vorrichtung den Eisbrecher in starke Schwankung versetzt, er hüpft sozusagen auf das Eis und zerquetscht es mit seiner Masse und Wucht. Das erfordert eine gut eingespielte Besatzung, vom Kapitän und Maschinisten bis zum ­Matrosen, der am Bug das Eis überwacht.

Der Natur ihren Lauf lassen
 „Wir sind keine Schneepflüge“, erklärt Heinz Mateovics, Leiter der Verbund-Bagger- und Schifffahrtsbetriebes und damit verantwortlich für den Einsatz der Eisbrecher des Unternehmens. Tatsächlich ist bei einer geschlossenen Eisdecke auch die Möglichkeit der Eisbrecher limitiert.
Doch wenn der Eisstoß ein so berüchtigtes Phänomen ist, warum hält man durch andauernden Einsatz von Eisbrechern die Donau und andere gefährdete Flüsse nicht eisfrei? „Es bringt nichts, festes Eis während der Frost­periode zu brechen- damit erzeugt man nur noch dickere Eisschollen“, erklärt der Kapitän Siegfried Kienberger. Diese könnten zum Verklemmen der großen Schleusenverschlüsse der Donaukraftwerke führen und sie beschädigen. Schlimmer noch: Eisschollen frieren mit anderen Eisschollen zusammen, schieben sich übereinander und schnell treibt auf der Donau ein Eisberg, der einer Schiffschraube schwere Schäden zufügen könnte. Darum wird auch nur nach reiflicher Überlegung von der Via Donau oder dem Infrastruktur-­Ministerium ein solcher Einsatz erbeten. Wichtig ist, dass die Eisbrecher stets einsatzbereit sind, dass die Maschinen laufen und die Mannschaft erreichbar ist. So bleibt auch den Besatzungen der Eisbrecher nichts anderes übrig, als der Natur ihren Lauf zu lassen. Und diese zeigt sich pünktlich nach Ende des kältesten Jänners seit 30 Jahren von seiner freundlicheren Seite – die 10 bis 15 cm dicke Eisschicht auf der Donau ist somit bald passe.


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