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Happy End nach Genehmigungsodyssee für Kraftwerksduo8 min read

22. März 2017, Lesedauer: 5 min

Happy End nach Genehmigungsodyssee für Kraftwerksduo8 min read

Lesedauer: 5 Minuten

In der Gemeinde Neckartenzlingen im baden-württembergischen Landkreis Esslingen sorgen seit dem Sommer des Vorjahres zwei völlig neu errichtete Kleinkraftwerke für umweltfreundliche Stromerzeugung.

Gemeinsam decken die beiden Laufkraftwerke „Gänsegarten“ und „Melchiorwehr“ den jährlichen Energiebedarf von rund 300 durchschnittlichen Haushalten. Den aufwändigsten Teil im Entstehungsprozess der Wasserkraftprojekte stellten die langwierigen Behördenverhandlungen dar. Dank eines breiten Bündnisses auf lokalpolitischer Ebene in Verbindung mit einem ausdauernden Investor konnten die Kraftwerke dank umfangreicher ökologischer Ausgleichsmaßnahmen schließlich doch noch realisiert werden.

Professor a. D. Helmuth Kern war in seiner Funktion als ehemaliger Gemeinderat eine jener treibenden Kräfte, die zur Realisierung der Wasserkraftprojekte maßgeblich beigetragen haben. Für die Schriftenreihe „Neckartenzlinger Geschichtsblätter“ dokumentierte Helmuth Kern die aufwändige Entstehungsgeschichte  der neuen Kleinkraftwerke. Dabei entstand eine lesenswerte Dokumentation, die durch akribische Protokollierung der langjährigen Verhandlungen die komplexe Entwicklungsphase des Kleinwasserkraftprojektes anschaulich macht.

Zukunftweisende Gemeinderatssitzung
Die Entstehung des Projektes begann mit einer richtungsweisenden Sitzung des Neckartenzlinger Gemeinderates im Oktober 2008. Im Zuge der Diskussion zur notwendigen Umgestaltung eines Streichwehrs im Gemeindegebiet unmittelbar neben dem Spielplatz „Gänsegarten“ wurde die rund vier Jahre zuvor verworfene Idee zur Wasserkraftnutzung am Wehrstandort wieder aufgegriffen. „Am Ende der Beratung wurde einstimmig beschlossen, dass die Planung zur Umgestaltung des Streichwehrs an der Erms nicht nur die ökologische Durchgängigkeit und die Hochwassersicherheit, sondern auch die Prüfung von Stromgewinnungsmöglichkeiten einbeziehen muss“, schreibt Helmuth Kern, dessen politische grün-alternative Fraktion „Die Alternative für Neckartenzlingen“ mit der Suche nach Ansprechpartnern für das potentielle Wasserkraftprojekt beauftragt wurde.
Gemeinsam mit seiner Fraktionskollegin Walburga Duong kam es somit unmittelbar nach der Gemeinderatssitzung zu einem Treffen mit Ortsbaumeister Bernhard Fritz, bei welchem grundlegende Aspekte des Projekts besprochen werden sollten. Dabei stellte sich heraus, dass ein gewisser Dr. Tillmann Hellwig bereits seit längerem Interesse an der Errichtung eines Wasserkraftwerks an besagtem Standort gezeigt hatte. Dies erwies sich vor allem in monetärer Hinsicht als Glücksfall, weil durch einen privaten Investor das Projekt ohne finanzielle Belastung des Gemeindebudgets umgesetzt werden konnte.

Projektvorstellung
Ende März 2009 schließlich präsentierte Dr. Hellwig dem Gemeinderat die gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Dr. Egbert Laege erarbeitete Projektvorstellung. Das Konzept der „Hellwig & Laege GbR“ sah neben der Errichtung eines Kleinkraftwerks in der Ortsmitte den Bau einer weiteren Anlage am sogenannten Melchiorwehr etwas außerhalb des Gemeindegebiets vor.
Bei der Präsentation wurde von Dr. Hellwig darauf hingewiesen, dass das Konzept bereits im Februar dem zuständigen Landratsamt vorgestellt und als grundsätzlich genehmigungsfähig erachtet wurde. Von diesem Entwurf sollte vor allem die Gemeinde profitieren, da mit dem Bau der Kraftwerke auch gleichzeitig die von der EU vorgeschriebene Fischdurchgängigkeit an den bestehenden Gefällestufen hergestellt werden konnte. Die Herstellung des Fischaufstiegs wäre auch ohne die Kraftwerksprojekte obligat gewesen und hätte für die Gemeinde Kosten von mehreren 100.000 Euro bedeutet.
Dies überzeugte auch den Gemeinderat und die Gemeindeverwaltung, wodurch die Entscheidung zum Bau der Kraftwerke guten Gewissens an die Hellwig & Laege Gbr vergeben werden konnte. Die Komplettplanung für das doppelte Wasserkraftprojekt wurden von der Betreibergesellschaft an das im Kleinwasserkraftsektor bewährte Ingenieurbüro Wolfgang Gross aus Reinheim vergeben.

Negativer Bescheid der Naturschutzbehörde
Nachdem die Vorplanungen der Wasserkraftprojekte Mitte Februar 2010 beim Landratsamt Esslingen eingereicht wurden, kam rund vier Monate später eine für die künftigen Betreiber ernüchternde Antwort. Darin wurde festgehalten, dass die Naturschutzbehörde aus naturschutzrechtlichen Gründen einem Kraftwerksbau am Standort Melchiorwehr negativ gegenübersteht. Für das unterhalb situierte neue Kraftwerk Gänsegarten hingegen gab es keine grundsätzlichen Einwände. Begründet wurde die Ablehnung des Kraftwerksbaus mit dem als Naturdenkmal deklarierten Gebiet am Melchiorwehr, dessen Flora und Fauna durch die anstehenden Bauarbeiten nicht beeinträchtigt werden sollte. Weil aber am Melchiorwehr ebenfalls schweres Gerät zur vorgeschriebenen Herstellung von Fischdurchgängigkeit erforderlich gewesen wäre, ließ sich die behördliche Entscheidung schwer nachvollziehen. Mit diesem Bescheid wollten sich weder die Gemeindevertreter noch die Investoren, für welche aus wirtschaftlichen Gründen nur der Bau von beiden Kraftwerken in Frage kam, abfinden.

Projekt zählt auf breite Unterstützung
Bewegung in die Sache kam schließlich im Dezember 2010. Dazu wurde ein Lokalaugenschein am Melchiorwehr organisiert sowie ein Pressegespräch veranstaltet, an welchem auch der später zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählte Winfried Kretschmann vom Bündnis 90/Die Grünen teilnahm. Kretschmann sprach sich dabei eindeutig für den Ausbau regenerativer Energieformen aus. Positive Resonanz fand die Veranstaltung auch bei lokalen Zeitungen, die sich in mehreren Artikeln und Kommentaren für den Kraftwerksbau aussprachen.
Nach einem weiteren Treffen von Gemeindevertretern, Investoren, Baumeister und Planer mit Vertretern des Regierungspräsidiums und des Landratsamtes Esslingen Mitte Januar 2011 zeichnete sich eine Lösung für das umstrittene Projekt ab. In einem rund drei Wochen später vom Landratesamt an die Betreiber geschickten Schreiben wurde festgehalten, „dass aufgrund der unzureichenden Datenlage (Artenvorkommen, Umfang des Eingriffs) eine objektive Beurteilung des Eingriffs in die Natur noch nicht abschließend möglich ist.“
In Folge wurde eine arten- und naturschutzrechtliche Untersuchung des geplanten Anlagenstandortes durch ein geeignetes Fachbüro empfohlen. Sollte diese Prüfung ergeben, dass keine erheblichen Beeinträchtigungen durch die Bauarbeiten an der Tier- und Pflanzenwelt  zu erwarten sind, dann „sind wir bereit, gemeinsam mit den Planern und Fachplanern nach Möglichkeiten für eine Eingriffsminderung bzw. nach Ersatzmaßnahmen zu suchen, um dann letztendlich zu einer positiven Gesamtbeurteilung zu kommen“, heißt es weiter in dem Bescheid.

Behördenmarathon geht weiter
Als ökologische Ausgleichsmaßnahme sollte etwa ein Ersatzhabitat am Melchiorwehr für die bei der naturschutzrechtlichen Prüfung gesichteten und unter strengem Schutz stehenden Zauneidechsen errichtet werden. Zusätzlich wurden anstelle der bestehenden Sohlschwelle am Melchiorwehr fünf Querriegel aus Granit in das Bachbett gesetzt, wodurch sich ein sanftes Gefälle ergibt. „Aufgrund des Eingriffs ins Naturdenkmal Melchior wurde als Ausgleichsmaßnahme die Herstellung der Durchgängigkeit an der Stützschwelle Brücke Altdorferstraße umgesetzt. Damit ist der Neckar direkt angeschlossen und über die beiden Anlagen bis  Bempflingen für Gewässerlebewesen durchgängig gestaltet“, ergänzt Planer Wolfgang Gross.
Bis es schließlich zum Baustart im Herbst 2014 kommen konnte, mussten noch weitere Auflagen und Bedenken von verschiedenen Stellen erfüllt beziehungsweise ausgeräumt werden. Das größte Hindernis stellte dabei eine geplante Stauzielerhöhung bei beiden Kraftwerken um 30 cm dar, weswegen negative Auswirkungen auf die Gewässerökologie sowie eine bestehende Oberliegeranlage befürchtet wurden. Diese Bedenken konnten schließlich durch mehrere Gutachten ausgeräumt werden, dennoch verlief das Genehmigungsverfahren weiterhin schleppend.
Die wasserrechtliche Bewilligung des Landratsamtes zum Kraftwerksbetrieb für die Hellwig & Laege GbR wurde schließlich im Juni 2014 zugestellt: Darin hieß es :„Nach Abwägung aller Belange ist festzustellen, dass das öffentliche Interesse an der Realisierung der Maßnahme zur regenerativen Energiegewinnung mit künftiger Durchgängigkeit der Erms höher liegt als die Erhaltung des Status quo. Die Wasserkraft soll im Interesse des Klimaschutzes und der Erhöhung des Anteils der erneuerbaren Energien genutzt werden.“ Nachdem auch noch die letzten Einwände der evangelischen Kirchengemeinde bezüglich etwaiger Lärmbelästigung durch den Einbau eines körperschallentkoppelten Generators im Kraftwerk Gänsegarten ausgeräumt wurden, konnten die Bauarbeiten schließlich Mitte September 2015 beginnen.

Zwei fast idente Kraftwerke
Die bauliche Ausführung und maschinelle Ausrüstung der Kraftwerke Gänsegarten und Melchiorwehr ist laut Planer Wolfgang Gross in weiten Teilen völlig ident. Beide Anlagen wurden vom Anlagenkonzept als Laufwasserkraftwerke ausgeführt und verwenden zur Energieproduktion vertikalachsig eingebaute Kaplan-Turbinen des Herstellers HSI Hydro Engineering GmbH aus Trier. Die kompakten Turbinen verfügen sowohl über verstellbare Laufradflügel als auch verstellbare Leitschaufeln und zeichnen sich durch einen hervorragenden Wirkungsgrad aus. Die Leistungsübertragung zum als Stromwandler verwendeten Asynchron-Generator erfolgt über einen einstufigen Flachriemenantrieb.
Beide Turbinen nutzen eine Nettofallhöhe von 2,2 m und sind auf eine Ausbauwassermenge von 3,5 m³/s ausgelegt. Die Nennleistung liegt jeweils bei 62,7 kW, wodurch sich ein durchschnittliches Regelarbeitsvermögen von rund 330.000 kWh pro Maschinensatz ergibt. Beide Kraftwerke sind mit beweglichen Stauklappen an die aktuellen Hochwasserschutzanforderungen ausgerüstet.
Zur Rechenreinigung kommen jeweils zwei Knickarmrechenreiniger zum Einsatz. Das am Feinrechen angeschwemmte Geschiebe wird dabei durch eine Spülrinnenkonstruktion direkt in das Tosbecken der Wehranlage geleitet und verbleibt somit im Gewässerverlauf der Erms.
Als Fischaufstiegslösung wurde am Standort Gänsegarten ein Schlitzpass mit Betonelementen parallel zur Turbinenanlage mit 200 l/s Betriebsabfluss erstellt. Der Fischabstieg mit einer Dotation von 100 l/s geschieht über eine dauerhaft geflutete Spülrinne am flach geneigten vertikalen Feinrechen mit 15 mm Stababstand. Als Fischaufstieg bei der Anlage Melchiorwehr dient ein naturnah ausgeführtes Raugerinne mit Beckenstruktur, der Betriebsabfluss liegt ebenfalls bei 200 l/s. Der Fischabstieg erfolgt über eine dauerhaft geflutete Spülrinne mit 100 l/s am ebenso ident ausgeführten Feinrechen. An beiden Standorten wurden natürlich sämtliche ökologischen Ausgleichsmaßnahmen gemäß den behördlichen Anforderungen umgesetzt.

Kraftwerke am Netz nach 5-jähriger Genehmigungsphase
Das Kraftwerk Gänsegarten im Ortsgebiet konnte schließlich Anfang Juli 2015 nach einer Bauzeit von etwa einem dreiviertel Jahr offiziell eingeweiht werden, die Arbeiten zur Fertigstellung der Anlage am Melchiorwehr dauerten rund einen Monat länger. Trotz der langwierigen Genehmigungsphase zieht Betreiber Dr. Tillmann Hellwig ein positives Fazit über das mit Dr. Egbert Laege verwirklichte Wasserkraftprojekt: „Es war uns als Auftraggeber eine Freude zu sehen und zu erleben, dass alle Akteure in einer guten und kooperativen Weise zusammengearbeitet haben. Nur so kann ein so komplexes Projekt innerhalb des Kostenrahmens und in den vorgegebenen Zeitfenstern gebaut werden.“ Ähnlich sieht es Helmuth Kern im Vorwort seiner detaillierten schriftlichen Dokumentation: „Am Ende hat sich gezeigt, dass die Begleitung und Unterstützung durch den Gemeinderat, die Verwaltung, durch Behörden und Politiker der Realisierung des Projektes in der Tat genützt hat, doch dazu gehörte auch ein Investor, der mit Zähigkeit, Langmut, Intensität und Ausdauer sein Projekt verfolgt hat und der sich nicht so schnell entmutigen ließ.“

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