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Kraftwerk Lasitzenbach realisiert Ökostromproduktion im Eisenerzer Forst

In wenigen Monaten Bauzeit ist 2019 am Eisenerzer Lasitzenbach ein neues Kleinwasserkraftwerk entstanden. Realisiert wurde das Projekt in der Nordsteiermark von der Anton Kittel Mühle Plaika GmbH.

Die damit bereits ihr 15. Eigenkraftwerk in Betrieb genommen hat. Ursprünglich projektiert wurde das Kraftwerk von der Agrargemeinschaft Eisenerzer Waldgenossenschaft, die das genehmigte Bauvorhaben im Rahmen eines Pachtvertrags an die Niederösterreicher veräußerte. Die Wasserfassung der Anlage verlangte aufgrund ihrer Doppelfunktion als Wildbachsperre eine hochmassive Ausführung. Der fast 2 km lange Kraftabstieg DN300 besteht zur Gänze aus den duktilen Gussrohren der Marke Duktus vom Vertriebsprofi ALPE Tirol. Zur Stromgewinnung dient eine 3-düsige vertikale Pelton-Turbine von der Osttiroler Maschinenbau Unterlercher GmbH, die unter Volllast eine Engpassleistung von 216 kW erreicht. Der damit erzeuge Ökostrom wird für 13 Jahre an die OEMAG geliefert.

Südwestlich der steirischen Stadtgemeinde Eisenerz dehnt sich der Verwaltungsbereich der Agrargemeinschaft Eisenerzer Waldgenossenschaft, die 2018 ihr 420-jähriges Bestehen feierte, über ein großräumiges Gebiet. Die rund 1.725 Hektar Forstfläche der Agrargemeinschaft erstrecken sich von einer Seehöhe von 700 bis hinauf auf 2.000 m. Alljährlich werden bei der bewusst nachhaltigen Bewirtschaftung des Forsts etwa 6.500 Festmeter Holz geschlagen. Seit kurzer Zeit wird im Forstgebiet auch Strom aus Wasserkraft gewonnen. Ursprünglich wurde zum Bau eines Kleinkraftwerks ein Bach zwei Gräben weiter ins Auge gefasst. Allerdings wurde später das Gelände entlang des Lasitzenbach, vorwiegend wegen der besseren Zugänglichkeit und günstigerer Bauverhältnisse, als besser geeigneter Standort ausgewählt. Die Genehmigungsphase verlief unkompliziert, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet war, dass sich die gesamte Anlage auf den eigenen Liegenschaften der Waldgenossenschaft befindet. Oftmals langwierige Verhandlungen mit Grundeigentümern stellten somit keine Hürde dar. Obwohl von den Behörden relativ schnell eine Bewilligung erteilt wurde, entschloss sich die Genossenschaft letzten Endes aus wirtschaftlichen Gründen dagegen, das Kraftwerk aus eigenen Mittel zu finanzieren. Damit das Projekt dennoch in die Realität umgesetzt werden konnte, entschied sich der Wirtschaftsausschuss der Waldgenossenschaft dafür, den geplanten Neubau in Form eines Pachtmodells zu veräußern.

Niederösterreicher erhalten Zuschlag
Im Rahmen der öffentlichen Ausschreibung, an der sich eine ganze Reihe von Bietern beteiligte, kamen drei Interessenten in die nähere Auswahl. Den endgültigen Zuschlag erhielt die aus Niederösterreich stammende Anton Kittel Mühle Plaika GmbH, die sich sowohl mit der Mehlproduktion als auch mit der Erzeugung von Ökostrom beschäftigt: „Bedingt durch unser Geschäftsfeld sind wir immer auf der Suche nach interessanten Projekten. Wir betreiben außerdem jeweils ein Kraftwerk in Göstling unweit der Grenze zur Steiermark sowie weiter südlich in Judenburg. Eisenerz liegt ziemlich in der Mitte zwischen den beiden Anlagen und ist nur ca. 1,5 h Fahrzeit von unserem Firmensitz entfernt, wodurch sich das Projekt schon in geografischer Hinsicht angeboten hat“, erklärt Kittel Mühle-Geschäftsführer Hannes Taubinger, der ergänzend darauf hinweist, dass sein Unternehmen mit dem Neubau am Lasitzenbach erstmals eine bereits fertig projektierte Anlage übernommen hat. In Summe betreibt die Kittel Mühle nun 19 Wasserkraftwerke im In- und Ausland, 15 davon stehen im Eigenbesitz.

Wasserfassung mit Doppelfunktion
Nach Abschluss des Ausschreibungsverfahrens im Frühjahr 2019 konnte Anfang August bereits die bauliche Umsetzung in Angriff genommen werden. Für den gesamten Hoch- und Tiefbau inklusive Rohrverlegung wurde das Unternehmen Heinrich-Bau aus Fürstenfeld beauftragt. Da die Baufirma zeitgleich auch die Renovierung des JUFA Hotels in Eisenerz durchführte, konnten für die Errichtung des Wasserkraftwerks nützliche Symbiosen hinsichtlich Gerätschaften, Personal und Logistik genutzt werden. „Weil das Projekt fertig geplant und genehmigt war, konnten und wollten wir nichts großartig umändern. Allerdings durften wir die Ausbauwassermenge von 80 auf 100 l/s erhöhen und die Dimension der Druckleitung etwas vergrößern“, so Taubinger. Geringfügig angepasst wurde zudem die finale Gestaltung der Wehranlage, die Ausführungs- und Detailplanung sowie die örtliche Bauaufsicht erledigte das steirische Ingenieurbüro interTechno Engineering GmbH. „Als wir nach der Beauftragung zur planerischen Umsetzung des KW Lasitzenbach das Projektgebiet erstmals Mitte Mai bei starkem Schneefall und einer durchgehenden Schneedecke nur zu Fuß begehen konnten war offensichtlich, dass die Umsetzung dieses Kraftwerksprojektes aufgrund der hochalpinen Lage raschest über die Sommermonate zu erfolgen hat. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Vergaben zu den Lieferungen der Kraftwerkskomponenten durchgeführt, die Detailplanung abgeschlossen und der Bauablauf in ein enges Korsett geschnürt“, erklärt interTechno-Geschäftsführer Martin Konrad. Taubinger sagt, dass die Wehranlage für ein Projekt dieser Leistungsklasse durchaus als luxuriös bezeichnet werden darf. Dies kommt dadurch, dass der Lasitzenbach ein von der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) als rote Zone ausgewiesenes Gebiet durchfließt, welches von Hochwässern und Murenabgängen besonders gefährdet ist. Weil die Wehranlage direkt am Standort einer alten Wildbachsperre geplant wurde, legte die WLV fest, dass die neue Wasserfassung künftig auch als Schutzbauwerk dienen sollte. Dies bedingte in weiterer Folge eine hochmassive Ausführung, was sich wiederum in entsprechenden Baukosten manifestierte. In funktioneller Hinsicht werden der Lasitzenbach und der Zwiebach, der an der Wehranlage in das Hauptgewässer mündet, durch ein klassisches Tiroler Wehr gefasst und ausgeleitet. Neben dem Grobrechen befindet sich für den verringerten Zufluss während der kalten Jahreszeit ein separater Wintereinlauf. Vom Einlaufbereich fließt das Triebwasser durch einen relativ schmalen, 16 m langen Entsander. Das Becken dient gleichermaßen zum Absetzen der Feinsedimente und zur Wasserberuhigung, auch die Messsonde zur Pegelregelung der Turbine wurde darin installiert. Nach dem Entsander befindet sich das Wehrhaus, in dem der Schaltschrank, das Hydraulikaggregat sowie ein vertikaler Feinrechen mit dem dazugehörigen Rechenreiniger untergebracht wurden. Geliefert und fachgerecht montiert wurde die komplette Stahlwasserbauausstattung von der steirischen Mayrhofer GmbH. Bis auf den händisch zu bedienenden Wintereinlauf wurden sämtliche Absperr- und Regulierorgane – Einlauf-, Spül- und zwei Restwasserschützen sowie der Grundablass – mit hydraulischen Antrieben ausgerüstet.

Grabenloses Verlegen unter der Loipe
Bei der Auswahl der Druckleitung entschieden sich die Betreiber für das hochwertige Gussrohrsystem der Marke Duktus, das vom Tiroler Vertriebsspezialisten ALPE Kommunal- u. Umwelttechnik geliefert wurde. Die robusten Eigenschaften von duktilem Gusseisen sind für die oft anspruchsvollen geologischen Bedingungen im alpinen Raum bestens geeignet. Ein anwenderfreundliches Steckmuffensystem ermöglicht Abwinkelungen innerhalb der Muffe von bis zu 5 Grad. Geringfügige Richtungsänderungen der Rohrleitung können somit ohne den Einsatz zusätzlicher Formstücke hergestellt werden. Die Trassenführung der insgesamt 1.960 m langen Druckleitung DN300 orientierte sich an einem weitgehend linearen Verlauf. Das abschließende Teilstück entlang einer steilen Böschung vor dem Krafthaus wurde in schub- und zuggesicherte Ausführung verlegt. Die notwendigen Bach- und Straßenunterquerungen stellten für die Baufirma keine besondere Herausforderung dar. Allerdings quert die Rohrtrasse zweimal eine für das Sommertraining konzipierte Langlaufloipe des „Nordischen Ausbildungszentrum Eisenerz“. Um diesen speziellen Asphalt bei den Arbeiten nicht zu beschädigen, wurden die Unterquerungen mittels grabenlosem Schussverfahren hergestellt.

Turbine und E-Technik aus Osttirol
Hinsichtlich der elektromechanischen Ausstattung des Krafthauses setzten die Betreiber auf die Kompetenz von zwei österreichischen Branchenexperten. Als Herzstück des neuen Kraftwerks fertigte die Osttiroler Maschinenbau Unterlercher GmbH eine 3-düsige Pelton-Turbine in vertikaler Bauform. Bei vollem Zufluss und einer Bruttofallhöhe von 248 m schafft die mit 1.500 U/min drehende Maschine eine Engpassleistung von 216 kW. Dank ihrer drei elektrisch geregelten Düsen kommt die Turbine auch mit verringertem Wasserdargebot bestens zurecht und kann somit ein breites Betriebsband abdecken. Ein direkt mit der Turbinenwelle gekoppelter Synchron-Generator in luftgekühlter Ausführung vom deutschen Hersteller AEM dient als wirkungsgradstarker Energiewandler. Das gesamte elektro- und leittechnische Equipment für das Krafthaus und die Wasserfassung lieferte die ebenfalls aus Osttirol stammende SOWA-Control GmbH. Dem Stand der Technik entsprechend funktioniert der Anlagenbetrieb selbstverständlich vollautomatisch. Mittels Onlineanbindung haben die Betreiber von ihrer zentralen Leitwarte aus rund um die Uhr Zugriff auf die Kraftwerkssteuerung. Die Ableitung des erzeugten Stroms in eine Trafostation der Energie Steiermark erfolgt über ein rund 500 m langes Erdkabel.

Holprige Inbetriebnahme um Weihnachten 2019
Rund 4,5 Monate nach Baubeginn erzeugte die Anlage am 15. Dezember 2019 die ersten kWh. Dies währte aber nur für kurze Zeit. Wegen eines Defektes der elektrotechnischen Schutzeinrichtung musste das Kraftwerk bereits am nächsten Tag wieder vom Netz genommen werden. Somit konnte der eigentliche Betrieb nach der Fehlerbehebung erst kurz nach Weihnachten aufgenommen werden. Im Gespräch mit zek HYDRO stellt Taubinger den beteiligten Firmen ein gutes Zeugnis aus: „Grundsätzlich kann ich alle Unternehmen nur weiterempfehlen. Auch die Zuständigen bei der Waldgenossenschaft Eisenerz, vom Vorstand bis zum Förster, habe ich als sehr korrekte und engagierte Personen mit Handschlagqualität kennengelernt.“

Alpenenergie vermarktet Ökostrom
Abschließend verweist Taubinger auf den Ökostromvertrieb der Kittel Mühle, über welchen die Stromproduktion der Kittel Mühle – nach Ablauf von 13 Jahren OEMAG-Tarif auch die Produktion vom KW Lasitzenbach – vermarktet wird: „Die Strompreise am Großhandelsmarkt erleben konjunkturbedingt schon wieder eine Talfahrt. Als Betreiber von Wind- und Wasserkraftwerken wollten wir 2015/2016 nicht tatenlos zusehen, wie wir Monat für Monat weniger für unseren Strom erlösen. Um dem etwas entgegenzusetzen, haben wir 2015 die Vertriebsplattform ‚Alpenenergie – Gesellschaft für Energievermarktung mbH‘ gegründet. Damit haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, alle Optionen des freien Strommarktes zu nutzen, um unseren eigenen Strom – Kittel Mühle erzeugt rund 120 Mio. kWh pro Jahr – und den unserer Partner (Betreiber von erneuerbarer Energie-Kraftwerken) bestmöglich zu vermarkten. Alpenenergie bietet allen Betreibern von Wasser-, Wind,- Sonnen- oder Biomassekraftwerken interessante und innovative Optionen für die Vermarktung an.“


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