Leitungsverlängerung mit Herausforderung

Autor: Roland Gruber , 03.02.2013

Gerade einmal sieben Jahre war das Kraftwerk Tasser im Gadertal in Betrieb, ehe die drei Brüder Giuseppe, Reinhold und Paul Tasser 2009 den Beschluss fassten, die Anlage zu erweitern.

Vor dem Hintergrund günstiger Fördertarife und der Möglichkeit die erforderlichen Grundstücke zu erwerben bot es sich an, die Druckrohrleitung weiter nach unten in Richtung der schwer zugänglichen Schlucht des Gaderbachs zu verlängern. Die Fallhöhe und letztlich auch die Stromproduktion konnte damit um mehr als 40 Prozent gesteigert werden. Allerdings stellten sich die erforderlichen Verlegearbeiten und der Stollenbau durch extrem harten Fels als gewaltige Herausforderungen heraus, die den Zeitplan gehörig durcheinanderwirbelten. Der Knackpunkt des Projektes lag in der Verlegung einer 1.225 Meter neuen Druckrohrleitung DN500 aus duktilem Guss, Fabrikat Duktus, die 2011 erfolgreich realisiert wurde. Seit November 2011 ist das Kraftwerk Tasser Neu wieder am Netz.

Die Wasserkraft war den Gebrüdern Tasser in die Wiege gelegt worden. Schon der Großvater hatte für sein Sägewerk in der Gemeinde Enneberg im Gadertal 1922 das erste Kraftwerk gebaut. „Zuerst hat er damit nur den Hof versorgt, später auch umliegende Gehöfte, sodass er zum ersten Stromversorger im Dorf wurde. Unser Vater hat diese Anlage nach dem Zweiten Weltkrieg vergrößert und das Verteilernetz erweitert. Im Jahr 1966 hat er dieses Kraftwerk erneut potenziert und noch mehr Strom erzeugt. Unsere Familie hat das Stromnetz bis 1987 betrieben, ehe das Inselnetz an die Mittelspannungsleitung des Enel angeschlossen wurde. Als der Strom von außen hinzukam, haben wir dann auch das Verteilnetz abgegeben“, erzählt Giuseppe Tasser, der im Gadertal als Pepi Tasser bekannt ist. Wie sein Vater und sein Großvater zuvor war er entschlossen, ein eigenes Wasserkraftwerk zu errichten. „Wir haben 1989  die Pläne für ein Kraftwerk am Untermojerbach eingereicht. Aber die Genehmigungsprozedur stellte sich damals als äußerst schwierig heraus. Zu dieser Zeit hatte man den Eindruck, dass die Behörden in Bozen nur ungern Privaten die Genehmigung für den Kraftwerksbau erteilten. Erst 2002, also 13 Jahre später, haben wir die Konzession erhalten und konnten das Kraftwerk bauen“, erzählt Pepi Tasser. Geplant wurde die Hochdruckanlage damals von Dr. Ing. Ernst Troyer von der Troyer AG, die auch für die elektromechanische Ausrüstung des Kraftwerks verantwortlich zeichnete.

SCHLUPFLOCH SCHAFFT RENTABILITÄT
Doch das Kraftwerk Tasser sollte in seiner ersten Variante nicht allzu lange Bestand haben. Für die beiden Brüder eröffnete sich in den folgenden Jahren die Möglichkeit, die Grundstücke für eine Verlängerung der Triebwasserführung nach weiter unten bis hin zur Einmündung in den Gaderbach zu erwerben. Angesichts dieser Option und vor allem aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen für die Förderung von Ökostromanlagen in Italien wollte man die Gelegenheit am Schopf packen und das Kraftwerk im großen Stil erweitern. Zugute kam den Projektbetreibern dabei, dass man ein legistisches Schlupfloch nutzen konnte – wie der findige Gadertaler erzählt: „Wir hatten Glück. Eigentlich war es ja vorgegeben, dass ein Kraftwerk 15 Jahre in Betrieb sein musste, um die Förderungskriterien für die Grün-Zertifikate zu erfüllen. Doch eine Triebwasser verlängerung war zu unserem Erstaunen von dieser Bedingung ausgenommen. Wir sind sogar zur zuständigen Behördenstelle nach Rom gefahren und haben uns erkundigt und unser Projekt dort vorgestellt. Das Ergebnis war, dass wir als einziges Kraftwerk Italiens noch eine neue Förderung für unser Projekt bekamen. Danach wurde dieses gesetzliche Schlupfloch geschlossen. Es bedeutete am Ende für unser Kraftwerk, dass wir erneut den Fördertarif für die Dauer von 15 Jahren zugesprochen bekamen. Und unter diesen Voraussetzungen gingen wir an die Erweiterung.“

DER KURZE WEG FÜHRT DURCH DEN BERG
Die Pläne für die lange Variante des Kraftwerks Tasser gehen ebenfalls auf den hochkarätigen und leider viel zu früh verstorbenen Dr. Ing. Ernst Troyer zurück. Die Optimierung der Planung in der Ausführungsphase, Bauaufsicht und Projektkoordinierung wurde in die Hände des Planungsbüros Studio G aus Bruneck gelegt. Es galt, das Kraftwerk – mit Ausnahme der bestehenden Druckrohrleitung – von Grund auf zu erneuern. Die bestehende Triebwasserleitung überwindet auf einer Länge von 1.840 Metern einen Höhenunterschied von 147 Metern. Die Erweiterung sollte sich über eine Länge von 1.225 Metern erstrecken, wodurch die gesamte nutzbare Fallhöhe 275 Meter erreicht. Doch gerade das Gelände, wo die Trassenverlängerung realisiert werden sollte, hatte es in sich. „Jeder, der hier schon einmal durch das Gadertal gefahren ist, kennt die Enge des Tales und die Steilheit der Hänge. Hier eine Rohrleitung zu verlegen ist eine Herausforderung – selbst für erfahrene Spezialisten“, erklärt Pepi Tasser. Sein Bruder Reinhold ergänzt: „Hinzu kam, dass im unteren Abschnitt des Trassenwegs bis zum geplanten Krafthausstandort zwei Bergrücken zu überwinden waren. Wegen der schluchtartigen Enge des Gadertales war an die Errichtung einer sicheren Leitung entlang des Bachverlaufes gar nicht zu denken. Daher sah der Plan vor, die Rohrleitung durch den Fels zu führen.“

KAMPF MIT HÄRTESTEM GESTEIN
Für die Durchörterung der beiden Bergrücken wurden etwas unterschiedliche technische Ansätze gewählt. Dazu Dipl.-Ing. Pezzedi von Studio G: „Die erste Bohrung wurde im Raise-Boring Verfahren steigend mit einer Länge von ca. 80m ausgeführt. Das zweite Bohrloch wurde mit einer Mini TBM fallend auch auf einen Durchmesser DN800 aufgefahren, womit gleichzeitig eine Auskleidung mit Stahlrohren erzielt wurde.“ Dabei war den Bauherrn durchaus bewusst, dass man es mit hartem Dolomitgestein zu tun bekommen würde. Was sie nicht ahnen konnten, war, dass auf dem Weg durch den Fels noch härteres Gestein auf die Bohrmaschine warten würde. „Wir stießen in diesem Bereich auf extrem harten Porphyrit, der die Schneidräder des Bohrkopfes ein ums andere Mal verschliss. Und das führte zu Verzögerungen. Es mussten neue Schneideräder bestellt und montiert werden, und der Bohrkopf musste wieder in Position gebracht werden – dabei verloren wir viel Zeit. Im Endeffekt haben wir ein Jahr lang an 174 Meter Gesamtstollenlänge gearbeitet“, schildert Pepi Tasser das Hauptkriterium des Projektverlaufes. „Ein paar Jahre zuvor hatte die hiesige Gemeinde schon mit dem Gedanken gespielt, auch einen Stollen für eine Schwarzwasserleitung durch den Bergrücken zu treiben. Man ist aber vor den schwierigen geologischen Bedingungen zurückgeschreckt und hat nun gestaunt, dass der Bau – wenn auch unter extremen Bedingungen – doch möglich ist“, sagt Reinhold Tasser.

AUSGELEGT AUF HÖCHSTE LEBENSDAUER
Entscheidendes Kriterium für den Erfolg des Projektes war die Wahl des richtigen Rohrtyps. Um diesen Umstand wussten die beiden Brüder bestens Bescheid und holten entsprechend viele Informationen im Vorfeld ein. „Uns war relativ schnell klar, dass wir auf ein möglichst hochwertiges Rohrleitungssystem zurückgreifen mussten, nicht nur was die Druckfestigkeit angeht. In erster Linie ging es darum, Rohre zu verwenden, die eine hohe Lebensdauer mitbringen. Um auf Nummer sicher zu gehen, kamen für uns nur Rohre aus duktilem Guss aus dem Hause Duktus in Frage“, so Pepi Tasser. Sein Bruder führt noch ein weiteres Argument an: „Außerdem brauchten wir ein Verschlusssystem, das hohe Zugkräfte – wir haben für das Einziehen der Rohre bis zu 49 kN errechnet – toleriert. Auch das sprach für Duktus-Rohre.“ Konkret kamen duktile Gussrohre von Duktus DN 500 mit längskraftschlüssiger BLS®/VRS®-T-Steckmuffenverbindung zum Einsatz, wobei die Bauherren im 174 Meter langen Stollenbereich auf Wanddicken-Klasse K11 und außerhalb auf K9 vertrauten. Zudem waren die Rohre außen mit einer thermischen Spritzverzinkung ausgeführt – ein aktiver Korrosionsschutz. Im Stollenbereich fanden Rohre mit einer 6 mm dicken faserverstärkten Zementmörtel-Umhüllung Verwendung, welche den passiven Korrosionsschutz für das Rohr darstellt. Da das Triebwasser aus dem Untermojerbach mit einem pH-Wert von 5 vergleichsweise sauer ist, waren die Rohre darüber hinaus auch mit einer Schicht aus Tonerde-Zementmörtel ausgekleidet.

GLEITMITTEL HILFT DURCH’S STAHLROHR
Die Verlegung der Rohre durch den Stollen, dessen Fertigstellung nach circa einem Jahr Bauzeit abgeschlossen werden konnte, war die nächste große Herausforderung für das Bauteam. Reinhold Tasser: „Nach dem Auskleiden des Rohrstollens mit Stahlrohren galt es, die Gussrohre unserer Triebwasserleitung einzuziehen. Rohr für Rohr wurde angekoppelt und über ein dieselhydraulisches Zugsystem mit dem speziellen Zugkopf der Firma Duktus in den Rohrstollen eingezogen. Die Muffen wurden mit Überschubkappen geschützt, und die notwendigen Leerrohre für Steuer- und Stromkabel wurden mitgezogen. Um die Sache etwas zu erleichtern, wurde an den Kontaktstellen zwischen dem Stahlrohr und der Gussleitung Gleitmittel aufgetragen.“ Weniger Kopfzerbrechen als die Verlängerung der Rohrtrasse bereitete den Projektbetreibern die elektromaschinelle Ausrüstung des Kraftwerks. Man setzte auf bewährte Branchengrößen und vergab die Lieferung und Montage der zweidüsigen Peltonturbine an die Firma Sora, während Electro Clara aus Enneberg im Gadertal für die Steuerung, Automation und E-Technik im Kraftwerk sorgten. Beide Unternehmen können auf eine Vielzahl von Referenzanlagen verweisen und arbeiten gerade in Sachen Wasserkraft häufig zusammen. Abgerundet wird das hochwertige Equipment von einem Hitzinger-Generator, der von der Peltonturbine mit 1.000 Umdrehungen pro Minute angetrieben wird.

NÄCHSTES PROJEKT IN DER PIPELINE
„Durch die 128 Meter mehr Fallhöhe erreicht die neue Maschine heute eine Ausbauleistung von circa 800 kW. Damit können wir mit einer Produktionssteigerung von rund 35 bis 40 Prozent kalkulieren“, freut sich Pepi Tasser. Das Regelarbeitsvermögen des neuen Kraftwerks Tasser liegt zwischen 3,6 und 4 Millionen kWh. Seit November 2011 ist das Kraftwerk mittlerweile in Betrieb und läuft seitdem ohne Pause. „Eine letzte Anpassung am Kraftwerk werden wir demnächst noch vornehmen, bevor es komplett abgeschlossen ist: Wir werden das bestehende Tirolerwehr durch einen Coanda-Rechen ersetzen, von dem wir uns eine bessere Sediment-Abscheidung erwarten“, sagt Reinhold Tasser. Im Anschluss daran wollen sich die drei Brüder dem anderen Kraftwerk widmen, das schon seit Jahrzehnten im Familienbesitz steht. Eine erfolgreiche Erhöhung der nutzbaren Gefällstufe hätte noch mehr Potenzial als nun am Untermojerbach genutzt wird. Das Projekt ist bereits auf Schiene - und die Brüder Tasser haben schon die Hemdärmel nach oben gekrempelt.

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