Österr. Wasserkrafttechnik in Albanien

Autor: David Tscholl , 01.04.2013

Wasserkraft hat als Energiequelle in Albanien höchsten Stellenwert. Beim Prestige-Projekt "Kraftwerk" Lapaj setzt man auf  Wasserkrafttechnik "made in Austria" und die Spezialisten der Firma Kössler.

Die Spitzen der albanischen Regierung und andere hochrangige Politprominenz hatten sich Anfang November letzten Jahres in der Peripherie der nordostalbanischen Kleinstadt Kukes eingefunden, um das neue Wasserkraftwerk Lapaj mit allen Ehren einzuweihen. Seit 2008 wurde an der Anlage gebaut, die als erste eines umfangreichen Kaskadenprojektes am Fluss Bushtrica verwirklicht wurde. Einer Anlage, die mehr als 22.000 albanische Familien mit Strom versorgt, kommt der Status von nationaler Bedeutung zu. Dementsprechend großes Augenmerkwurde daher auch auf die installierte Wasserkrafttechnologie gelegt.

Ein simpler Knopfdruck wurde zum Höhepunkt der hochkarätigen Einweihungsfeier für das neue Kraftwerk Lapaj am 4. November letzten Jahres. Kein Geringerer als Albaniens Premier Sali Berisha startete die beiden Maschinensätze und übergab damit das neue prestigeträchtige Kraftwerk seiner Bestimmung. Neben dem albanischen Premierminister gaben sich auch der Wirtschafts- und Energieminister Edmond Haxhinasto, Innenminister Flamur Noka und der italienische Botschafter Massimo Gaiani sowie zahlreiche hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Kukes die Ehre. Der Glanz der Veranstaltung spiegelte vor allem den hohen Stellenwert wider, den das neue Wasserkraftwerk für die regionale Stromversorgung sowie für die albanische Wasserkraftnutzung generell einnimmt. Premier Sali Berisha bezeichnete das Projekt als „wichtigen Schritt in einer laufenden Transformation Albaniens zu einer regionalen Macht in Sachen erneuerbare Energien“. Welche wirtschaftliche Bedeutung es für das Land hat, lässt sich schon daran ermessen, dass an dessen Umsetzung rund 2.500 Menschen direkt beteiligt waren. Knapp 4 Jahre hatten die gesamten Bauarbeiten in Anspruch genommen.

WASSER AUS GROSSEN HÖHEN
Die Basis des Projekts stellt eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2007 dar, die unter der Führung von Dipl.-Ing. Islam Zhupa erarbeitet wurde. Im Mittelpunkt dieser umfangreichen Untersuchungen steht der Flusslauf an der Bushtrica im gleichnamigen Tal, das sich V-förmig in Ost-West-Richtung in der immer noch äußerst abgeschiedenen nordostalbanischen Provinz Kukes erstreckt. Dank einer Pegelmessstation, die seit dem Jahr 1971 in Betrieb gewesen war, standen den Planern umfangreiche hydrologische Daten über das Abflussverhalten des Gewässers zur Verfügung. Der Ursprung des Flusses ist in über 2.000 Metern Seehöhe zu finden, wo die beiden Bäche Reka und Lushi entspringen und sich im weiteren Verlauf vereinigen. Nach der Einmündung mehrerer anderer Bäche, vor allem des Caja Flusses, wird die Bushtrica zu einem landschaftsprägenden Fluss, der in Summe ein Einzugsgebiet von rund 132 km² aufweist. Was für die Planung des Kraftwerks Lapaj und die weiteren intendierten Kaskadenkraftwerke hohe Relevanz hatte, war unter anderem das Geschiebe- und Abflussverhalten bei starken Niederschlägen. Speziell das Wasser aus dem Caja-Fluss gilt als lehm- und sandhaltig, der Fluss generell als durchaus geschiebeträchtig. Die Bushtrica steht in dem Ruf, gerade bei Starkregen den Charakter eines Wildbaches anzunehmen, ihre Hochwässer waren gefürchtet. All dies galt es in die Planungen miteinzubeziehen, die auf Basis der Machbarkeitsstudie und mit dem Ausblick auf grüne Ampeln seitens der albanischen Politik letztlich sehr zügig abgewickelt werden konnten.  

DAS ERSTE GLIED DER ZEHNER-KETTE
Die Pläne umfassten nun insgesamt zehn Kraftwerke, die als Kette an der Bushtrica errichtet werden sollten. Das erste davon: das KW Lapaj. Dabei handelt es sich um die zentrale Anlage der Kette, schließlich sind 4 Oberlieger- und 5 Unterlieger-Kraftwerke aktuell in Planung oder bereits in Umsetzung. Sie stellt nicht nur aufgrund der hohen Leistungskapazität von 2 x 6,81 MW das Herzstück der Kraftwerks- Kaskade dar, sondern auch weil sie als Knotenpunkt für die Netzanbindung und die Überwachung der Kaskade dient. Projektbetreiber ist die Gjo-Spa Power, die mehrheitlich von der am Sektor der Erneuerbaren sehr aktiven ETEA Group aus Italien gehalten wird. Ebendiese steht auch als Mehrheitseigentümer hinter der anderen Betriebsgesellschaft, der Hidrobushtrica, die alle anderen Kaskadenanlagen realisieren und betreiben wird. Das Anlagenkonzept für das KW Lapaj sieht zwei Wasserfassungen vor, wobei die zweite Fassung und ein daran angeschlossener Freispiegelkanal erst in den nächsten Monaten errichtet werden sollen. Derzeit wird das Triebwasser – maximal 6 m3/s – über eine Fassung eingezogen, die als Tirolerwehr ausgeführt ist. Anschließend wird das Wasser über einen Sandfang und danach über einen 2,75 km langen Betonkanal geleitet, ehe es in ein Beruhigungsbecken mit 2.000 m3 Fassungsvermögen gelangt. Darauf folgt eine doppelstrangige, 570 Meter lange Stahldruckrohrleitung DN1300, über die das Wasser den beiden Turbinen zugeführt wird. Dabei überwindet das Triebwasser ein Gefälle von 258 Meter.  

WASSERKRAFT-TECHNOLOGIE AUS NIEDERÖSTERREICH
Das Herz der Anlage bilden zwei hochmoderne Maschinensätze, bestehend aus zwei 6-düsigen Pelton-Turbinen, die jeweils einen Synchrongenerator mit einer Nenndrehzahl von 600 Upm antreiben. Die Turbinen stammen vom österreichischen Wasserkraftspezialisten Kössler, der darüber hinaus auch für die beiden Absperrorgane, sowie die hydraulischen Turbinenregler, den geschlossenen Kühlkreislauf der Generatorlagerkühlung, oder auch die Rohrbruchklappe verantwortlich zeichnete. Darüber hinaus waren auch E-Technik, Schutzeinrichtungen sowie das gesamte SCADA-System im Auftragspaket des niederösterreichischen Technologieanbieters enthalten. Für Kössler keineswegs der erste Auftrag aus dem südosteuropäischen Land mit dem großen Wasserkraftpotenzial. Vor allem Francis und Pelton-Turbinen hatte man zuvor schon nach Albanien geliefert, und dies mit sehr positiver Resonanz. Wohl auch ein Grund, warum der Auftrag für die elektromechanische Ausrüstung des prestigeträchtigen Kraftwerks Lapaj an die Niederösterreicher ging.

EINGESCHNEIT UND OHNE STROM
Von der Auftragserteilung bis zur Auslieferung und Inbetriebnahme sollte allerdings noch einiges Wasser die Bushtrica hinabfließen. Immer wieder führten widrige Witterungsverhältnisse und die schwierigen Geländebedingungen zu Verzögerungen im Bauablauf. Im Juni 2010 wurde der Auftrag bereits fixiert, mit der Montage konnte nach Abstimmung mit dem Bauherrn aber erst im November 2011 begonnen werden. Dies allerdings unter höchst erschwerten Bedingungen: „Ein äußerst strenger Winter folgte. Die Versorgung der Baustelle mit Verbrauchsmaterial, Diesel für Notstromaggregate und Heizung kam ins Stocken. Nachdem schließlich die Stromversorgung zusammengebrochen und das Montagepersonal eingeschneit war, mussten die Montagearbeiten unterbrochen werden. Von unserer Seite konnten sie dann im Mai letzten Jahres abgeschlossen werden“, erzählt der kaufmännische Projektleiter Stefan Kunst. „Allerdings“, so betont der Niederösterreicher, „war die Kooperation mit dem Bauherrn hervorragend. So wurde etwa – noch bevor man das Maschinenhaus errichtete – ein Hotel hochgezogen, in dem man sämtliche Projektbeteiligten in unmittelbarer Nähe des Kraftwerksstandort unterbringen konnte.“ Nach Fertigstellung aller Restarbeiten wurde die Maschineneinheit Anfang Juli angedreht. Die Übergabe erfolgte Mitte Juli. Seit dieser Zeit arbeiten die Maschinensätze zuverlässig und hocheffizient – und wurden lediglich für die offizielle Einweihung stillgesetzt, um sie wenig später per Knopfdruck durch Ministerpräsident Sali Berisha wieder zum Laufen zu bringen.

WICHTIGER WIRTSCHAFTLICHER IMPULS
Warum die Wahl der Betreiber auf 6-düsige Turbinen fiel, liegt am Abflussverhalten des Gewässers. So schnell wie die Bushtrica nach Regenfällen anschwellen kann, so rasch kann die verfügbare Triebwassermenge auch wieder absinken. Speziell in den heißen Sommermonaten Juli, August bis September sinken die Wasserpegel stark ab. In diesem Fall ist es wichtig, dass die Turbinen auch bei niedriger Beaufschlagung noch mit einem guten Wirkungsgrad in Betrieb bleiben können. Auf die Pelton-Turbinen aus dem Hause Kössler ist auch in dieser Hinsicht Verlass. Jede der beiden installierten Turbinen ist auf eine Ausbauleistung von 6,81 MW ausgelegt. Zusammen werden sie im Regeljahr rund 50 GWh sauberen Strom für die regionale Versorgung im Bezirk Kukes sorgen. Nicht weniger als 22.000 albanische Familien können somit versorgt werden. Angesichts der immer noch gegebenen Infrastrukturprobleme im Nordosten Albaniens kommt einem Kraftwerksprojekt dieser Größenordnung daher auch höchste Bedeutung zu. Premier Sali Berisha betonte deshalb bei seiner Eröffnungsrede, dass er sich über die positive Auswirkung für die Region in wirtschaftlicher Hinsicht freue – und verwies darauf, dass die Wasserkraft die wichtigste Energiequelle seines Landes sei. Turbinenspezialist Kössler konnte ebenfalls ein höchst positives Resümee aus dem Projekt am Balkan ziehen. Sowohl was die Qualität seiner Maschinen als auch was die Verlässlichkeit und Kompetenz in Fragen der Montage und Inbetriebsetzung angeht, wurde ein Qualitätsbeweis von internationalem Format abgeliefert, der den niederösterreichischen Technologieanbieter beim weiteren Ausbau der Wasserkraft in Albanien zu einem gefragten Partner macht. Folgeaufträge sind bereits in der Pipeline.

 

 

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Kraftwerk Lapaj

Kraftwerk Lapaj

 

Im Beisein des albanischen Premierministers Sali Berisha wurde am 4. November letzten Jahres das neue Kraftwerk Lapaj am Fluss Bushtrica eingeweiht.

Foto: Kössler

Architektur

lapaj

 

Auch architektonisch lässt sich der hohe Stellenwert des neuen Kraftwerks ablesen. Es stellt nicht nur die Stromversorgung in der Region sicher, sondern bildet auch den zentralen Knotenpunkt für die Steuerung der restlichen Kaskadenkraftwerke.

Foto: Kössler

Pelton-Turbine von Kössler

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Albanien setzt auf österreichische Wasserkrafttechnik aus dem Hause Kössler.

Foto: Kössler