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Treibholz und Zivilisationsmüll toppen die Liste der Schwemmgutentsorgung

Dank der günstigen Topographie und dem Wasserreichtum der Alpenrepublik können fast 65 Prozent des inÖsterreich erzeugten Stroms aus Wasserkraft gewonnen werden.

Die bekannt nachhaltige Form der Energiegewinnung bringt in Sachen Gewässerreinigung einen oftmals weit unterschätzten Zusatznutzen mit sich. Alleine Österreichs größter Energieversorger, die Verbund AG, förderte im Jahr 2018 an allen seinen Kraftwerken insgesamt 16.000 Tonnen Schwemmgut aus dem Wasser. Zwar besteht der Großteil des angeschwemmten Materials aus Holz, allerdings sind auch Kunststoff- und jegliche Form von Zivilisationsmüll weit verbreitet. Im Rahmen des länderübergreifenden Projekts „PlasticFreeDanube“, dass sich mit Kunststoffverschmutzungen in und entlang der Donau beschäftigt, erfolgte Anfang 2019 eine detaillierte Analyse des am Kraftwerk Freudenau entnommenen Rechenguts.

Anlässlich des Weltwassertags, der alljährlich am 22. März begangen wird, erinnerte das österreichische Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) im Vorjahr an die Wichtigkeit des nassen Elements. In der Aussendung wurde unter anderem festgehalten, dass die Verfügbarkeit von reinem Trinkwasser alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellt. Laut Weltwasserbericht der Vereinten Nationen hatten 2019 global gesehen mehr als 2 Milliarden Menschen unsicheren oder gar keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch in Österreich führten die ungewöhnlich starken Dürreperioden der vergangenen Sommer zu bedenklichen Niedrigwasserständen an einer Vielzahl von Flüssen. Dennoch ist die Alpenrepublik bekanntlich mit Wasserreichtum gesegnet, Wasser ist hierzulande meist im Überfluss und in bester Qualität vorhanden. Davon profitieren nicht nur die Bürger im Land, sondern auch die hiesige Elektrizitätswirtschaft. Rund 65 Prozent des in Österreich produzierten Stroms werden in Wasserkraftwerken unterschiedlicher Bauart und Leistungsklassen erzeugt.

16.000 Tonnen Treibgut
Als einer der größten europäischen Stromerzeuger aus Wasserkraft produziert die Verbund AG rund die Hälfte des in Österreich produzierten Stroms. Dass die an den heimischen Gewässern errichteten Kraftwerksanlagen in Sachen Müllsammlung einen weit unterschätzten Nebennutzen mit sich bringen, bestätigt Verbund-Pressesprecher Florian Seidl. Laut dem „Integrierten Geschäfts- und Umweltbericht“ des Vorjahres wurden 2018 an allen Verbund-Kraftwerken rund 16.000 Tonnen Treibgut entfernt. Dies stellt allerdings noch keinen Rekordwert dar, 2016 betrug die gesammelte Menge sogar 25.000 Tonnen. Wieviel Schwemmgut anfällt hängt besonders von zwei Faktoren ab: Der Lage des Kraftwerks und den Witterungsverhältnissen. Darüber hinaus spielt natürlich auch die Größe des Einzugsgebiets eine wesentliche Rolle für den entsprechenden Schwemmgutanteil. Das meiste Schwemmgut fällt naturgemäß an Flusskraftwerken an. Zur Entfernung des Treibguts von den meist vertikal ausgeführten Schutzrechen dienen vollautomatische Rechenreinigungsmaschinen, für sperriges Material sind diese in der Regel noch mit zusätzlichen Teleskop-Greifern ausgestattet.

Angeschwemmt wird alles
Seidl weist darauf hin, dass sich der Großteil des Rechenguts aus Holz zusammensetzt. Von Kleinteilen wie abgebissenen Biber-Ästen bis zum mächtigen Auenwald-Baustamm ist alles dabei. In dem Konvolut an Schwemmgut befinden sich auch immer wieder Stämme, die aufgrund ihrer Größe für die Schifffahrt eine Gefahr darstellen. „Leider ist auch Plastikmüll weit verbreitet, darunter vor allem PET-Flaschen, aber auch jeglicher Zivilisationsmüll vom Badeschlapfen bis zum Fußball, alte Autoreifen sind auch ein Klassiker.“ Kühlschränke hingegen sind seit Einführung der Entsorgungsplaketten deutlich seltener geworden. Ebenfalls selten, aber äußerst unerfreulich sind wegen des hohen Entsorgungsaufwands alte Gaskartuschen oder Ölfässer. Aber auch erfreulich Dinge werden im Zuge des Treibgutmanagements aus dem Wasser geholt. Eine von Verbund-Mitarbeitern beim Donaukraftwerk Altenwörth im Rechengut gefundene Flaschenpost eines Schülers aus Melk führte zur Einladung seiner Schulklasse zu einer Kraftwerksführung. Michael Frostel, Pressesprecher der Energie AG Oberösterreich, bestätigt ebenfalls, dass neben dem Hauptbestandteil Schwemmholz alle möglichen Kuriositäten im Rechengut zu finden sind. Rund 150 Tonnen beträgt im Durchschnitt der jährliche Treibgutanfall bei den Wasserkraftwerken der Energie AG. Davon setzen sich laut Frostel etwa zwischen 15 und 20 Prozent aus nicht-organischen Stoffen bzw. Müll zusammen. In finanzieller Hinsicht schlägt sich der gesamte Entsorgungsaufwand für die Energie AG mit ca. 500.000 Euro jährlich nieder. Umgesetzt wird die Entsorgung durch die eigene Gesellschaft Energie AG Oberösterreich Umwelt Service GmbH. Der Verbund setzt bei der Treibgutentsorgung seiner Wasserkraftanlagen auf die Dienste zertifizierter Unternehmen, die die sachgerechte Weiterbehandlung des Materials übernehmen.

Länderübergreifendes Projekt
Mit der Thematik Zivilisationsmüll in Gewässern setzt sich das länderübergreifende Projekt „PlasticFreeDanube“ seit 2017 auseinander. PlasticFreeDanube beschäftigt sich mit Makro-Kunststoffverschmutzungen (größer als 5 mm) in und entlang der Donau von Wien bis zum Kraftwerk Gabčikovo in der Slowakei. In diesem Abschnitt sind die Ballungsräume Wien und Bratislava, die Kraftwerke Freudenau und Gabčíkovo sowie der frei fließende Donauabschnitt durch den Nationalpark Donauauen östlich von Wien enthalten. „Kunststoff wird trotz seiner vielen Vorteile mittlerweile als ernstzunehmendes globales Problem angesehen. Insbesondere Kunststoffabfall in marinen Ökosystemen stellt auf regionaler sowie globaler Ebene ein großes Umweltproblem dar. Flüsse werden als einer der Hauptpfade für die Verschmutzung angesehen, jedoch sind Quellen und Wege sowie Umweltauswirkungen in Flüssen nach wie vor weitgehend unbekannt“, lautet die auf viadonau.org veröffentlichte Initiativerklärung. Das Ziel des Projekts liegt in der Etablierung eines fundierten Wissensstands zu Kunststoffverschmutzungen in der Donau. Darüber hinaus sollen standardisierte Methoden zur Einschätzung von Eintragsquellen, Quantitäten, Transportverhalten und Umweltgefahren festgelegt werden.

Rechengut beim KW Freudenau analysiert
Der im November 2019 veröffentlichte Projektnewsletter von PlasticFreeDanube gibt interessante Einblicke in die Rechengutanalyse eines großen Donaukraftwerks. Beim Kraftwerk Freudenau fand Anfang 2019 eine Negativ-Sortierung von Rechengut anhand von insgesamt sieben Containern mit jeweils 40 m³ Fassungsvermögen statt. Die Sortierung fokussierte zuerst auf die Trennung von Treibgut und anthropogenen („von Menschen gemachten“) Abfällen. Im Anschluss wurden die aussortierten Abfälle mit einer Gesamtmasse von mehr als 700 kg gemäß einem Sammelprotokoll analysiert und klassifiziert. Grundsätzlich konnte das Ausgangsmaterial in optischer Hinsicht als zum Teil sehr unterschiedlich eingestuft werden. So gab es sowohl Container mit hauptsächlich größeren Teilen von Totholz, in denen auch entsprechend größere Abfälle wie Flaschen, Sport- oder Freizeitartikel zu finden waren. Zwei Container enthielten einen hohen Anteil an Sträuchern, Laub und Blättern, was sich wiederum auf die Zusammensetzung der gesammelten Abfälle auswirkte. In diesen Behältern konnten vor allem Folienfragmente gefunden werden.

Holz und Plastik ganz vorn
Bezugnehmen auf die generelle materielle Zusammensetzung des Rechenguts zeigte sich anhand der Probe, dass Kunststoffabfälle nach den Holzabfällen (verarbeitetes Holz wie Möbel oder Bretter) massenmäßig als zweitgrößte Kategorie einzustufen sind. Legt man den Fokus auf das Volumen oder die Stückzahl, dann nimmt Kunststoff sogar die erste Stelle ein. Aus den bisherigen Ergebnissen konnten zwei zentrale Ableitungen getroffen werden. „1. Die Zusammensetzung der Abfälle ist vom Zeitpunkt der Rechenreinigung abhängig. Je mehr Material sich am Rechen sammelt, desto eher wird – durch die größere Filterwirkung – kleines/feines Material (und somit auch kleinere Abfälle wie Folien) zurückgehalten. 2. Es ist ein Zusammenhang der Materialeigenschaften zwischen anthropogenen Abfällen und natürlichem Treibgut feststellbar. Nach dem Motto ‚Ähnliches sucht Ähnliches‘ sind beispielsweise kleine Folienteile zwischen Blättern und Laub zu finden, während sich größere Kunststoffgegenstände zwischen größeren Treibholzteilen befinden.“

Müll soll verringert werden
Anhand von länderübergreifenden Untersuchungen wie PlasticFreeDanube wird auf wissenschaftlicher Basis gezeigt, dass die Gewässerbelastung durch Zivilsationsmüll ein nicht zu unterschätzendes Problem unserer Zeit darstellt. Die Angaben zur Schwemmgutentsorgung der großen österreichischen Energieversorger bestätigen diesen Trend. Gestartet hat das von der EU mit über 1 Million Euro Fördermitteln gestützte Projekt im Oktober 2017, nach dreijähriger Laufzeit endet das Projekt Ende September 2020. Bereits kurz darauf wollen die beteiligten ForscherInnen und Forscher konkrete Ergebnisse und Handlungsempfehlungen präsentieren. Anhand der enormen Mengen von Zivilisationsmüll, den die Energieversorger alljährlich von ihren Kraftwerken entsorgen, kann guten Gewissens angenommen werden, dass die Wasserkraft auch zukünftig eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Reinhaltung heimischer Gewässer spielen wird.


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