Leistungsschub für "alle Gesie"

Autor: Roland Gruber , 05.11.2013

Im März 2012 beschloss der Gemeinderat von Ossana, einer 850-Einwohner-Gemeinde im Trentino, das bestehende Kraftwerk „Alle Gesie“ umzubauen und zu erneuern.

Durch die Renovierung solldas Wasserkraftpotenzial des Foce di Valpiana bestmöglich genutzt werden. Dabei wurde einerseits die 620 Meter Druckrohrleitung und anderseits die beiden bestehenden Maschinensätze ersetzt.

Als neue hydroelektrische Ausrüstung wurde eine 5-düsige Pelton-Turbine aus dem Hause Tschurtschenthaler Turbinenbau installiert, die auf 1.380 kW Leistung ausgelegt ist. Mit dem neuen Maschinensatz erzeugt das Kraftwerk der besonders auf Nachhaltigkeit bedachten Gemeinde im Jahr rund 6,5 GWh Strom.

Generell legt man im so traditionsbewussten Val di Sole im norditalienischen Trentino großes Augenmerk auf einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur. Auf die kleine Ortschaft Ossana im hinteren Teil des Tals trifft dies im Speziellen zu. 2011 erlangte die Gemeinde die von der EU vergebene EMAS Umweltzertifizierung zur Unterstützung ihrer Leistungen zugunsten der Umwelt. Naheliegend also, dass man in Sachen Energieerzeugung ebenfalls auf nachhaltige Lösungen setzt. Was die Wasserkraft angeht, so tut man dies schon sehr lange. Gemeinsam mit dem Nachbarort Pellizzano beschlossen die Gemeindeväter bereits 1903 den Bau des ersten Wasserkraftwerks, welches das Wasser aus dem Valpiana nutzen sollte. An einer einfachen Holzkonstruktion wurde das Wasser – rund 40 l/s – gefasst und über eine Druckrohrleitung zur Zentrale „alle Gesie“ geführt. Gebaut wurde die Anlage von dem legendären Elektroingenieur Peter Maierhofer (1866-1948), der zu dieser Zeit für zahlreiche Kleinwasserkraftwerke im Trentino, speziell aber im Val di Sole und im Val di Non, verantwortlich zeichnete. Installiert war gemäß der alten Gemeindeaufzeichnungen eine Pelton-Turbine mit 23 kW Leistung aus der Fabrikation der „Maschinenfabrik Carl Frastanz Ganahl & Comp“ aus Wien. Über viele Jahre versah dieser alte Maschinensatz seinen Dienst und versorgte das hintere Val di Sole mit Lichtstrom.

BESTE ERFAHRUNG MIT INSELBETRIEB
Mit steigendem Strombedarf wurde das Kraftwerk peu à peu weiter ausgebaut. Die letzte große Modernisierung wurde schließlich in den Jahren 1996 bis 1997 vorgenommen, als Ing. Giulio Dolzani mit dem Umbau betraut wurde. Bereits damals schon mit an Bord: die Firma Tschurtschenthaler Turbinenbau aus Sexten, die eine 2-düsige Pelton-Turbine lieferte, welche auf einen Durchfluss von 430 l/s ausgelegt war. Ein wesentlicher Aspekt des damaligen Umbauprojektes betraf die Inselbetriebsfähigkeit. Versorgungssicherheit bei Netzausfällen sollte höchste Priorität bekommen. Und das aus gutem Grund, wie sich einige Jahre später herausstellen sollte. Bürgermeister Luciano Dell’Eva erinnert sich: „Am 28. und 29. September 2003 gab es ein nationales Black-Out. Zum Glück hatten wir ausreichend Wasser zur Verfügung, um mit unserem Kraftwerk in diesen Tagen 400 bis 500 kW Strom zu erzeugen. Wir haben damit abwechselnd unsere beiden Ortsfraktionen versorgt, bis das Netz wieder an war. Unsere Nachbarn waren damals höchst verwundert, als sie  durch unser Dorf fuhren und das elektrische Licht sahen.“

SUBOPTIMALE ENERGIEAUSBEUTE
15 Jahre nach dieser letzten Ertüchtigung stand bereits erneut das Thema Modernisierung im Raum. Dies lag keineswegs daran, dass die Turbine schon an Altersschwäche litt, sondern vielmehr daran, dass das Konzept mit den beiden Maschinensätzen nicht ganz aufging. Bedingt durch den zweiten älteren Maschinensatz gestaltete sich die Stromausbeute ein wenig suboptimal. Hinzu kam, dass die alte Druckrohrleitung DN500 für eine Ausbauwassermenge von 630 l/s relativ knapp bemessen war. Um hier etwaige Leitungsver-luste zu vermeiden, beschlossen die Verant-wortlichen, die Rohrleitung gegen eine neue Druckrohrleitung DN700 auszutauschen. Darüber hinaus sollte auch die e-technische Einrichtung und der Transformator ersetzt werden, sowie eine neue Netzanbindung errichtet werden. Am 14. März letzten Jahres fällte der Gemeinderat in Ossana einen entsprechenden Entschluss und übergab das Projekt an den bekannten Fachmann Ing. Paolo Palmieri. Die Bauaufsicht lag bei Ing. Luciano Bezzi. Die E-Technik wurde an die Firma Beros srl aus Lavis TN, unter der Führung von Mario Rossi, vergeben. Das neue Herz der Anlage sollte einmal mehr vom bewährten Wasserkraftspezialisten aus Sexten, der Firma Tschurtschenthaler Turbinenbau kommen. Für die erfahrenen Turbinenbauer aus der Dolomitenregion ein echter Vertrauensbeweis: Schließlich kommt kein Lob und keine Empfehlung dem gleich, wenn ein Wasserkraftkunde nach Jahren erneut auf den selben Hersteller setzt.

ÜBERZEUGENDE PERFORMANCE IN DEN WIRKUNGSGRADTESTS
Konkret kam nun anstelle der beiden Turbinen nur mehr eine einzige – eine 5-düsige Pelton-Turbine zum Einsatz. Diese ist bei einer Bruttofallhöhe von 250 Meter auf eine Ausbauwassermenge von 630 l/s ausgelegt und weist eine Ausbauleistung von 1.380 kW auf. Mit 1.000 Umdrehungen pro Minute treibt das Laufrad einen direkt gekoppelten Synchrongenerator aus dem Hause Marelli an, der auf eine Nennscheinleistung von 1.600 kVA ausgelegt ist. Einmal mehr setzte Tschurtschenthaler dabei auch auf die bewährte Zusammenarbeit mit dem Kärntner Turbinenbauer EFG, der wie üblich für Laufradgeometrie und Laufraddesign verantwortlich zeichnete. Gerade die Hochdruckturbinen aus der Zusammenarbeit von Tschurtschenthaler Turbinenbau und EFG zeichnen sich dabei durch höchste Robustheit und hohe Wirkungsgrade aus. Ende Juni dieses Jahres wurden an der Anlage Valpiana – wie das alte Kraftwerk „alle Gesie“ nach dem Umbau umbenannt wurde – umfangreiche Wirkungsradtests vorgenommen. Dabei bewies der Maschinensatz bei unterschiedlichen Wassermengen höchste Funktionalität bei Wirkungsgraden von 91 bis 92 Prozent. Was die Betreiber darüber hinaus freut, ist, dass die Anlage sehr leise und völlig vibrationsfrei läuft.

ERFOLGREICH IN NEUN MONATEN
Knapp 9 Monate nach dem Baubeschluss, am 13. Dezember des letzten Jahres, war schließlich der große Tag für das Kraftwerk gekommen: Es wurde offiziell in Betrieb genommen. In Summe wird die Anlage im Regeljahr rund 6,5 GWh ins Netz des lokalen Stromversorgers S.E.T. Distribuzione Spa einspeisen. Umgerechnet auf fossile Energieträger bedeutet dies eine CO2-Ersparnis von immerhin rund 20 Tonnen jährlich.
Verständlich dass das gemeindeeigene Kraftwerk eine sehr hohe Bedeutung für das kleine Dorf mit seinen 850 Bewohnern im Val di Sole hat. Es trägt nicht nur zur Versorgungssicherheit bei, sondern auch zum Nachhaltigkeitsgedanken und zur Wahrung der natürlichen Ressourcen in einer der schönsten Regionen Norditaliens.

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