Schnalstaler Gletscherbahnen erneuern Basis ihrer Wasserkraftnutzung

Autor: Roland Gruber , 08.10.2018

Strom aus eigenen Ressourcen für den Betrieb der Seilbahn zu erzeugen, war von Anfang an ein wichtiges Anliegen für die Schnalstaler Gletscherbahnen AG, welche die höchste Seilbahn Südtirols unterhält.

Als im Jahr 2015 die Konzession für die betriebsinterne Wasserkraftanlage ausgelaufen war, sah man sich im Hinblick auf eine Verlängerung mit einem heiklen Problem konfrontiert: Die in Summe rund 5 Kilometer langen Druckrohrleitungen, die aus mehreren Fassungen das Triebwasser zu den beiden Turbinen des Kraftwerks leiten, waren desolat. Einer Druckprobe hätten sie, so die Betreiber, auf keinen Fall standgehalten. Der einzig mögliche Ausweg sah den kompletten Tausch der Rohrleitungen vor. Zu diesem Zweck wurden duktile Gussrohre aus dem Hause TRM in den bestehenden Trassen der Berghänge unterirdisch verlegt. Sie sollen die Basis für die weitere nachhaltige Stromversorgung am Fuße des Hochjochferners für die nächsten Jahrzehnte sicherstellen.

Gerade einmal sechs Minuten dauert die Fahrt mit der Gondelbahn von der Talstation im Schnalstaler Kurzras bis knapp unter die Grawand auf 3.212 m Seehöhe. Bei jedem Wetter ein beeindruckendes Naturerlebnis. Die Schnalstaler Gletscherbahn, die den Hochjochferner in den Ötztaler Alpen erschließt, gilt als die höchstgelegene Seilbahn Südtirols. Die spannende Geschichte ihrer Entstehung reicht zurück bis in die 1970er Jahre und trägt die Züge eines griechischen Dramas – geprägt von außerordentlichem Wagemut, Weitblick, Pioniergeist, aber auch von Scheitern und einem tragischen Ende.


Gletscherbahn – ein Pioniermythos
Einer, der die Geschichte nicht nur bestens kennt, sondern darüber hinaus auch eloquent wiederzugeben versteht, ist Elmar Pichler Rolle, seines Zeichens ehemaliger Obmann der Südtiroler Volkspartei und bis vergangenes Jahr Geschäftsführer der Schnalstaler Gletscherbahnen AG: „Anfang der 1970er Jahren gab es hier im Schnalstal noch sehr wenig. Die touristischen Einrichtungen in Kurzras beschränkten sich auf eine kleine Pension und den Schlepplift, die vom Kurzhofbauern betrieben wurden. Dieser Hof galt damals als einer der größten Tirols. Doch von sich Reden machten die Bauern vom Kurzhof durch ihr ‚Pionier-Gen‘. Bereits kurz vor 1900 hatte einer der Vorfahren die Hütte ‚Bella Vista – Zur Schönen Aussicht‘ gebaut, eine Hütte, die bis heute Kultcharakter erlangt hat. Dessen Enkel war Leo Gurschler, der im Schnals­tal zu einem Mythos geworden ist. Leo     Gurschler, der von Zeitgenossen als draufgängerisch, als ‚Macher‘ und als ‚Naturbursch‘ beschrieben wurde, war fest entschlossen, eine Bahn auf den Gletscher zu bauen. Er wollte Skitouristen das ganzjährige Skilaufen ermöglichen. In der Folge gelang es ihm, den Schnalser Gemeinderat von seiner Vision zu überzeugen. Im Sommer 1972 wurde mit der Gründung der Aktiengesellschaft der Schnalstaler Gletscherbahn das vielzitierte ‚Jahrhundertprojekt der Gemeinde Schnals‘ proklamiert. Doch die technischen Probleme, vor allem aufgrund des schwierigen Geländes, waren – wie sich zeigen sollte –, erheblich. Das Ganze kulminierte in einer verwegenen Aktion, die Leo Gurschler zur Legende gemacht hat. Zuerst sah es so aus, als ob der schwere Löffelbagger unmöglich hinauf auf die Grawand fahren könnte. Kein Baggerfahrer des Bauunternehmens wollte aufgrund fehlender Wege und des abschüssigen Terrains die Fahrt wagen. Da setzte sich Leo Gurschler selbst ins Cockpit und mühte sich den Berg hinauf. Unter großen Strapazen schaffte er es, den Bagger in 18 Tagen zur Hochgebirgsbaustelle zu fahren. Da hat er Kopf und Kragen riskiert. Am 1. Juli 1975 ist die Bahn dann in Betrieb gegangen. Es folgten regelrechte Boom-Zeiten, in den späten 1970ern und 1980ern kam der Gletscherskilauf so richtig in Mode. Doch für den Initiator des Projektes sollte es kein Happy-End geben. Gefangen in einem vermeintlich unentwirrbaren Netz von Gesellschaftern, Banken, Firmen, Gläubigern und Schuldnern sah sich Leo Gurschler immer stärker belastet. Als dann noch der Verlust des Hofs über ihn hereinbrach, schied er im Oktober 1983 freiwillig aus dem Leben. Die Gletscherbahnen verdanken wir ihm, ohne ihn gäbe es das alles hier nicht.“

Strom aus dem eigenen Kraftwerk
Als Herzstück des Skigebiets hat die Gletscherbahn sehr wesentlich zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung des Südtiroler Schnals­tals beigetragen. Nach der Blütezeit des Sommerskilaufs und dem merkbaren Rückgang des Hochjochgletschers beschlossen die Verantwortlichen 2012, den kostenintensiven Sommerskilauf einzustellen. In dieser wirtschaftlich schwierigen Phase stiegen der Athesia-Konzern, eine Verlagsgruppe mit Sitz in Bozen, sowie die Innsbrucker Unternehmensfamilie Schröcksnadel ein und erwarben die Aktienmehrheit. Eine der ersten Kurskorrekturen, die die neuen Eigentümer vornahmen: der Sommerskilauf wurde wieder aufgenommen und in weiterer Folge wichtige neue touristische Akzente gesetzt. Mittlerweile gehe es wieder bergauf, so Pichler Rolle. Mit welchem Weitblick die Gründerväter an ihr Jahrhundertprojekt gegangen waren, lässt sich auch daran ermessen, dass man bereits vor mehr als 35 Jahren das Thema Energie berücksichtigt hatte. Seit 1985 liefert ein Wasserkraftwerk sauberen Strom. „Unser Wasserkraftwerk stellt ein echtes Asset dar. Wir können uns selbst versorgen oder im Netzparallelbetrieb ins staatliche Netz einspeisen, wobei wir zusammen mit den beiden Blockheizkraftwerken mehr als 50 Prozent des Bedarfs selbst erzeugen. Leider ist die Stromerzeugung aus Wasserkraft gerade dann am geringsten, wenn wir am meisten Energie – eben in den Wintermonaten –  benötigen“, sagt Elmar Pichler Rolle und verweist darauf, dass die neuen Eigentümer sofort die Bedeutung des Kraftwerks erkannt hatten.

Alte Rohrleitung desolat
Nachdem 2015 die 30-jährige Konzession für die Wasserkraftanlage ausgelaufen war, wollte man umgehend um eine Verlängerung ansuchen. Doch die wesentliche Hürde dafür stellte der Zustand der Druckrohrleitungen dar. Pichler Rolle: „Die Rohrleitungen waren desolat. Wir hatten in großen Teilen Wasserverluste, einer Druckprüfung, wie sie für die Neukonzessionierung erforderlich ist, hätten sie keinesfalls standgehalten.“ Warum die Graugussleitung aus den 1970ern so gar nicht mehr den Anforderungen moderner Wasserkraftnutzung entsprach, führt der technische Leiter der Gletscherbahnen Philipp Kofler auf mehrere Ursachen zurück: „Zum einen waren diese Rohre damals ohne Schub- und Zug­sicherungen im Steilgelände verlegt worden, was man heute nicht mehr machen würde. Zudem wurden damals Zusammenschlüsse mittels T-Stücke realisiert, was selbstredend nicht ideal ist, und es darf bezweifelt werden, ob die Rohre damals wirklich sorgfältig verlegt wurden. Nur so lässt sich der desolate Allgemeinzustand erklären.“
In Folge wurde nach den Plänen des Ingenieurbüros Dr. Ing. Ulrich Innerhofer aus Schlanders ein umfassendes Sanierungsprogramm in die Wege geleitet, das neben dem Austausch der Rohrleitungen auch Sanierungen der fünf Wasserfassungen sowie den Einbau von Rohrbruchklappen umfasste. Ent­gegen der ursprünglichen Pläne wurde die elektromaschinelle Einrichtung nicht ausgetauscht, allerdings saniert und generalüberholt, die Steuerungs- und Leittechnik dagegen sollte auf völlig neue Beine gestellt werden. Damit wird ein völlig neues Energiemanagement installiert.

Rohrsystem punktet im Hochgebirge
Was die Bauarbeiten im hochalpinen Gelände nebst anderen Faktoren zu einer echten Herausforderung macht, ist die kurze Bausaison. „Im Grunde haben wir zum Bauen hier ein Zeitfenster von Mitte Mai bis September – und dazwischen muss man schon immer wieder mit Schneefall rechnen. Das muss man einkalkulieren“, sagt Philipp Kofler, der im selben Atemzug aber die hervorragende Arbeit der beauftragten Baufirma, Passeirer Bau, lobt. Sie habe innerhalb von zwei Saisonen die gesamte Druckrohrleitung ausgezeichnet neu verlegt. Zählt man sämtliche Rohrleitungen auf beiden Hängen zusammen, kommt man auf rund 5 Kilometer Rohre, die von TRM in unterschiedlichen Dimensionen und Druck- klassen, allesamt mit längskraftschlüssigen Verbindungen, geliefert worden waren. Angefangen von DN300 bis DN700 mit Drucklassen bis PN40 kamen dabei etwas größere Rohre zum Einsatz, zusätzlich wurden 4 Stück Stahlsonderteile PN40 erforderlich. Warum die Wahl der Betreiber auf duktile Gussrohre aus dem Hause TRM fiel, hat mehrere Gründe: Vorrangig gilt natürlich, dass duktile Gussrohre einzigartige mechanische Eigenschaften aufweisen, die speziell im Gebirge zum Tragen kommen. Selbst Setzungen oder Hangbewegungen können TRM Rohrsystemen, die mit der längskraftschlüssigen VRS®-T/BLS®-Verbindung verlegt wurden, kaum etwas anhaben. Hinzu kommt, dass im Hochgebirge die kurze Verlegezeit eine noch viel größere Rolle spielt als irgendwo im Tal. Die Verlegung kann von der Baufirma selbst durchgeführt werden, Schweißen, Prüfen und Nachbehandeln der Oberfläche gibt es nicht. Außerdem benötigt man aufgrund der hochbelastbaren Schub- und Zug- sicherungen keine oder kaum Betonwiderlager, welche ebenfalls einen baulichen Aufwand bedeuten. Auf diese Weise können in relativ kurzer Zeit große Verlegeleistungen erreicht werden, auch im steilen Gelände.

Viel Know-how und Expertise
Für ein Rohrprojekt im Hochgebirge ist es immer von Vorteil, wenn ihm von Anfang  Expertise und Know-how zugrunde liegen. Die Berater von TRM, wie etwa Christoph Obkircher in Südtirol, arbeiten dabei an der Schnittstelle zwischen Bauherrn, Planungsbüros und Baufirmen. Dank ihrer langjährigen Erfahrung und dank der Möglichkeit, auf technische Experten am Standort in Hall in Tirol zurückgreifen zu können, sind sie in der Lage, maßgeschneiderte Lösungen für individuelle Anforderungen zu finden und lösen Probleme, bevor sie entstehen. Auch dieser Punkt wird von vielen Projektbetreibern zu Recht als wirtschaftlicher Vorteil geschätzt.
Die Verantwortlichen der Schnalstaler Gletscherbahnen AG waren zudem vom Preis- Leistungsverhältnis überzeugt und bereuten ihre Wahl keineswegs: „Nicht nur die Verlegung hat sehr gut funktioniert, auch die termingetreue Anlieferung der Rohre hat gepasst“, lobt Phillip Kofler und Elmar Pichler Rolle ergänzt: „Die Rohre von TRM sind gut, und das hat sich auch bei den kürzlich erfolgten Druckproben gezeigt, die wir nun souverän bestanden haben.“


Bessere Gesamt-Performance
Am Ende des gesamten Sanierungsprojektes sollte verständlicher Weise eine markante Verbesserung der Performance des Kraftwerks stehen. Doch die Rahmenbedingungen dafür waren nicht gerade günstig. „Mittlerweile hat sich die Gesetzeslage hinsichtlich der Wassernutzungspläne geändert. Das bedeutet, dass für die Bemessung der Restwassermengen nicht mehr die Gesamtwassermenge, sondern jeder einzelne Wasserstrang für sich herangezogen wird. Am Ende beschert uns das ein Minus an Triebwasser“, erklärt Pichler Rolle. Dennoch sind die Kraftwerksbetreiber zuversichtlich, dass sich der gesamte Sanierungsaufwand am Ende bezahlt macht. Dazu der technische Leiter, Phillip Kofler: „Wir verlieren zwar ein wenig durch die angepassten Restwassermengen. Aber dank mehrerer Faktoren gewinnen wir auch Leistung hinzu. Erst vor kurzem haben wir die Laufräder der beiden Turbinen gewechselt. Die Firma Kössler hat uns nun Peltonräder mit Wolfram-Carbid-Beschichtung installiert, die den Gletscherschliff aus dem Gletscherstausee besser tolerieren und somit eine höhere Standfestigkeit und Verfügbarkeit garantieren. Was aber tatsächlich unsere Leistung verbessern sollte, ist einerseits die neue Druckrohrleitung, die dank größerer Durchmesser weniger Reibungsverluste und dank besserer Verlegung und Verbindung keine Wasserverluste verspricht. Und andererseits die neue Steuerung und Automatisierung, die aktuell gerade von der Firma EN-CO implementiert wird. Davon versprechen wir uns besonders viel, weil wir damit ein völlig neues Energie-Management Instrument in die Hand bekommen. Waren wir früher froh, wenn die Anlage überhaupt lief, können wir in Zukunft die Zeiten selbst bestimmen, wann wir produzieren, wann wir Inselbetrieb fahren und wann wir ins öffentliche Netz einspeisen. Insofern sollte uns die neue Steuerung eigentlich am meisten bringen.

Leistungsplus von 8-10 Prozent erwartet
„Ich bin jetzt schon optimistisch und glaube, dass wir am Ende eine Leistungssteigerung von 8 bis 10 Prozent erreichen werden“, wirft Elmar Pichler Rolle einen Blick in die nahe Zukunft. Er verweist darauf, dass für einen Betrieb wie die Schnalstaler Gletscherbahnen die Erzeugung von eigenem Strom enorm wichtig ist: „Man darf nicht vergessen: Weniger entscheidend für uns ist, was wir am Strommarkt für unseren Wasserkraftstrom bekommen, sondern wie viel wir nicht für den Strom bezahlen müssen, den wir benötigen.“
Es herrscht aktuell wieder viel Bewegung am Fuße des Hochjochgletschers. Nicht nur mit der Sanierung des eigenen Wasserkraftwerks sind die Schnalstaler Gletscherbahnen zugange. Nachdem 2017 eine neue Umlaufkabinenbahn in Betrieb genommen wurde, arbeiten sie nun auch an einer neuen Talabfahrt und an der Erweiterung einer bestehenden Skipiste. Unter der Führung der neuen Eigentümer sollen innovative Konzepte dem hochgelegenen Ski- und Wandergebiet wieder zu alter Popularität verhelfen. Um das betriebsinterne Energie-, Wasser- und Schneemanagement weiter auszubauen, werden mittlerweile auch Pläne gewälzt, den Gletscherspeicher auf 2.700 m Seehöhe weiter auszubauen. Das könnte letztlich auch wieder positive Auswirkungen auf die eigene, nachhaltige Stromerzeugung aus Wasserkraft mit sich bringen.



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