Nach Unwetterkatastrophe 2024: Kraftwerk Grono wieder vollständig in Betrieb
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Murgänge und Gerölllawinen hatten in Folge eines schweren lokalen Unwetters im Juni 2024 im Bündner Südtal Misox südlich des San-Bernardino-Passes eine Schneise der Verwüstung gezogen. Besonders stark betroffen war das Kraftwerk Grono der ELIN (Elettricità Industriale SA), dessen Geschäfts- und Betriebsführungen Axpo innehat. Sowohl der Speicher Roggiasca und alle Wasserfassungen als auch der Druckstollen, die Druckleitung zum Teil und die Zentrale wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen – im Grunde fast ein Totalschaden. Die Wiederinstandsetzung gestaltete sich aufwändig und kostspielig. Mit Ende 2025 ist nun auch die letzte der drei Maschinengruppen der Zentrale Grono wieder in Betrieb gegangen – nach insgesamt 18 Monaten intensiver Inbetriebsetzungsarbeiten. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 8 Millionen CHF.

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Naturgewalt mit Folgen für die Wasserkraft
Es war ein Ereignis, das sich in das kollektive Gedächtnis der Einwohner des Misox eingebrannt hat: Am 21. Juni 2024 entlud sich über dem Bündner Südtal ein Unwetter von seltener Wucht. Innerhalb kürzester Zeit fielen bis zu 75 Liter Regen pro Quadratmeter – genug, um Hänge ins Rutschen zu bringen und Bäche in reißende Ströme zu verwandeln. Murgänge und Überschwemmungen verwüsteten ganze Dorfteile, insbesondere in Lostallo, wo Menschen ihr Zuhause verloren. Zwei Personen kamen ums Leben, eine wird bis heute vermisst. Straßen wurden unterbrochen, die A13 über Tage blockiert, die Schäden werden heute mit rund 84 Millionen Franken beziffert. In dem chaotischen Szenario aus Schlamm, Geröll und zerstörter Infrastruktur waren auch einige Wasserkraftwerke betroffen. Mit voller Wucht traf es das Kraftwerk Grono der ELIN (Elettricità Industriale SA), das innerhalb weniger Stunden schwer beschädigt und für Monate außer Betrieb gesetzt wurde.
Unwetter trifft Misox unvorbereitet
Nach dem ersten Schrecken über die enorme Gewalt der Unwetter überwogen bei den Verantwortlichen zunächst Ohnmacht und Unsicherheit. „Normalerweise erhalten wir Warnungen, wenn schwere Unwetter drohen“, sagt Felix Hansmann, Ressortleiter Baulicher Unterhalt im Engineering der Division Hydro & Biomasse Axpo, der als Gesamtprojektleiter für die Räumungs- und Instandstellungsarbeiten der beschädigten Misoxer Kraftwerke verantwortlich war. „Vor diesem Tag aber gab es keine speziellen Wetteralarme.“ Entsprechend unvorbereitet traf das Ereignis die Beteiligten. Speziell zu Beginn sei die Situation sehr unübersichtlich gewesen, so Hansmann. Der Strom im Tal war ausgefallen, auch Mobilfunknetze fielen zeitweise aus, die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden war stark eingeschränkt, und aufgrund gesperrter Straßen waren die betroffenen Anlagen nicht erreichbar. Erste Abstimmungen fanden unter erschwerten Bedingungen statt – teils über noch funktionierende Natel-Verbindungen, teils über Funk. „Die große Herausforderung zu Beginn bestand für uns darin, überhaupt einen ersten Überblick über das Ausmaß der Schäden zu gewinnen“, erzählt Felix Hansmann.

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Erkundungsflüge ermöglichen ersten Überblick
Erste Eindrücke vom Schadensausmaß verschaffte man sich noch am selben Abend sowie an den nächsten Tagen aus der Luft. Die Erkundungsflüge, an denen neben den Kraftwerksverantwortlichen der Axpo auch Geologen und Fachspezialisten für Naturgefahren beteiligt waren, ermöglichten eine erste grobe Schadensdiagnose. Dabei wurde rasch klar, dass eine unmittelbare Begehung vieler Bereiche zu gefährlich war – lose Felsmassen, instabile Hänge und umgestürzte Bäume stellten weiterhin erhebliche Risiken dar. Entsprechend mussten zunächst Sicherungsarbeiten erfolgen, bevor man sich an die Inspektionen vor Ort wagen konnte. Wo der Zugang möglich war, wurde schrittweise vorgegangen: von den Wasserfassungen in den oberen Bereichen hinunter zu den Stollen und Anlagen. Ein verlässliches Gesamtbild der Schäden ergab sich erst nach und nach: Dabei sollte sich zeigen, dass die sechs Kraftwerke, die die Axpo im Misox betreibt, höchst unterschiedlich betroffen waren. Während die meisten Anlagen nur geringfügige Schäden aufwiesen, so dass sie nach wenigen Tagen Unterbrechung wieder in Betrieb gehen konnten, waren die Schäden am Kraftwerk Lostallo, der oberen Stufe der ELIN, nicht unerheblich und am Kraftwerk Grono, der unteren Stufe der ELIN, sogar massiv.
Kraftwerk Lostallo nach fünf Wochen zurück am Netz
Die ersten Schadensanalysen zeigten ein deutlich unterschiedliches Ausmaß der Zerstörung an den beiden Anlagen. Bei der oberen Stufe Lostallo wurden durch das Unwetter die Wasserfassung Forcola, ein Bereich der offen verlegten Druckleitung sowie die Zufahrt und der Vorplatz zur Zentrale beschädigt. „Angesichts des geringeren Schadensausmaßes war uns klar, dass wir unser Augenmerk zuerst auf Lostallo legen, weil wir dort die Möglichkeit hatten, einigermaßen zeitnah wieder in Betrieb zu gehen“, erklärt Felix Hansmann. In der Folge wurden alle beschädigten Bereiche geräumt und die Wasserfassung sowie der Bereich der verschobenen Druckleitung inkl. der Schutzrohre für Kommunikation und Einspeisung instand gestellt. Rund fünf Wochen nach der Unwetterkatastrophe konnte das Kraftwerk den Betrieb wieder aufnehmen.

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Massive Schäden am Kraftwerk Grono
Und das Kraftwerk Grono? Dessen Schadensbilanz war niederschmetternd. Die Wasserfassungen? Teilweise zerstört, mit Geröll und Baumstämmen zugedeckt. Der Stausee Roggiasca? Großflächig mit Baumstämmen bedeckt. Und der Seegrund meterhoch mit Geschiebe gefüllt. Der Grundablass? Bis auf eine Höhe von rund 10 Metern mit Sedimenten bedeckt. Der 3,8 km lange Druckstollen vom Stausee zum Wasserschloss? Auf der ganzen Länge mit über einem Meter Schlamm bedeckt. Die Druckleitung zur Zentrale Grono? Gefüllt mit rund 120 Kubikmeter Ablagerungen im untersten Bereich. Der Kugelschieber in der Zentrale Grono? Durch Holzstücke blockiert. Hinzu kamen viele kleinere Beschädigungen an verschiedenen Anlageteilen. An einen Weiterbetrieb des Kraftwerks war so schnell nicht zu denken. Es war nahezu ein Totalschaden.
Das Gewitter hatte enorme Mengen an Sediment, Schlamm und Geröll in den Roggiasca-Stausee gespült, von wo aus das Material weiter in den Druckstollen gelangte. Wie groß die Beschädigungen im Druckstollen, an der Druckleitung und der Zentrale selbst waren, sollte sich in seiner Gesamtheit erst nach einigen Wochen zeigen.
40.000 m³ Material im Stausee Roggiasca
Vorerst galt es, in einem ersten Schritt den Geschwemmselteppich am Stausee zu entfernen, was sich aufgrund der eingeschränkten Zugänglichkeit als schwierig darstellte. „Zu diesem Zweck wurden ein Ponton und ein Kran eingeflogen, mit denen wir über 200 Tonnen Baumstämme Schwemmholz herausholen konnten“, erinnert sich Felix Hansmann. Er verweist darauf, dass der Stausee mit seiner rund 70 m hohen Staumauer mit circa 40.000 m3 Schlamm, Geröll und Geschwemmsel gefüllt gewesen sei. „Anschließende Echolotaufnahmen zeigten, dass der Grundablass über 10 m eingedeckt war und somit seine Betriebstüchtigkeit nicht gewährleistet werden konnte.“ Für die Wiederherstellung der Betriebstüchtigkeit des Grundablasses wurde in der Folge ein spezielles, mit den Behörden abgestimmtes Spül- und Sediment-Umlagerungskonzept entwickelt, das selbstredend auf die Ökologie des Fließgewässers Rücksicht zu nehmen hatte. „Da wir uns in diesem Stadium der Aufräumarbeiten noch in der Fischschonzeit befanden, erhielten wir die entsprechende Genehmigung für die Absenkung des Staupegels, also eine Spülgenehmigung, erst im November – rund fünf Monate später. Ein Teil der Sedimente konnte also ins Bachbett im Unterwasser zurückgeführt werden, ein anderer Teil wurde in Zwischendeponien gelagert. Mit den von den Behörden erlaubten Sedimentrückgaben werden wir diese Sedimente in drei bis fünf Jahren rückgebaut haben“, so Felix Hansmann. Nach der Freilegung des Stauraums traten die baulichen Schäden am Einlaufbauwerk zutage: Eine eingedrückte Wand ermöglichte das Eindringen von Holz in den Triebwasserweg, das sich seinen Weg bis zur Turbine in der Zentrale bahnte. Etwa zeitgleich zur Entfernung des Geschwemmselteppichs am Stausee Roggiasca, was etwa zwei Monate in Anspruch nahm, erfolgte die Räumung und Instandsetzung der beschädigten Wasserfassungen, was aufgrund der Situierung in schwierigem Gelände entsprechend anspruchsvoll war.

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Acht Monate für die Räumung des Druckstollens
Noch aufwändiger gestalteten sich die Aufräumarbeiten am Druckstollen, wie Hansmann bestätigt: „Unser erstmaliger Zugang war von oben über einen Einstieg unterhalb der Staumauer möglich. Es zeigte sich, dass zäher Schlamm sich auf einer Höhe von rund 1 bis 1,5 Metern im Stolleninneren abgelagert hatte. Diesen zu beseitigen stellte sich als eine der größten Herausforderungen in unserem Instandsetzungsprojekt heraus.“ Mit Beginn August 2024 arbeiteten die Teams daran, diese Massen zu entfernen – eine mühsame Kleinarbeit unter beengten Verhältnissen, denn der Stollen ist kaum 2 Meter hoch und nur wenig breiter. Gearbeitet wurde anfänglich nur von oben, später ab der Drosselklappe Grono auch von unten. Im ersten Viertel konnte der Schlamm nur manuell oder mit einem Kleinbagger abgetragen werden. Danach wurden die Ablagerungen mit Spülwasser Richtung Grono ausgeschwemmt. „Wir sind im Durchschnitt etwa 15 Meter pro Tag vorangekommen. Es war sehr schwierig“, schildert Hansmann die Arbeiten. Erschwerend kam hinzu, dass es keinerlei Straßen- oder Wegezugang gab und die Baustelle anfangs ausschließlich per Helikopter erreichbar war. Insgesamt dauerte die Reinigung des Stollens rund 8 Monate – von August 2024 bis März letzten Jahres.

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Einer von drei Kugelschiebern schwer beschädigt
Als durchaus heikel beschreibt der Projektleiter der Axpo auch die Reinigungsarbeiten an der Druckleitung, die ebenfalls abschnittsweise von Schlamm und Schwemmgut verstopft war: „Man kann in einer derartigen Situation nicht einfach aufs Geratewohl den Schieber öffnen. Wir mussten uns mit viel Fingerspitzengefühl herantasten und schauen, wo genau der verstopfte Abschnitt liegt und planen, wie man die Arbeiten am besten anlegt“, beschreibt Felix Hansmann diese Herausforderung. Das Schadensbild war zum Glück aber nicht so dramatisch: Die eingeschwemmten Holzteile hatten kaum nennenswerte Schäden am Korrosionsschutz der Leitung verursacht.
Kleinere Schäden zeigten sich bei der Verteilleitung sowie den Turbinenzuleitungen. Die Turbinenlaufräder selbst blieben unbeschädigt, lediglich die Düsen waren verstopft und konnten ohne größeren Instandsetzungsaufwand gereinigt werden. Die Behebung dieser kleineren Schäden nahm insgesamt weniger als einen Monat in Anspruch. Die Ausnahme in der Maschinenzentrale bildete allerdings der dritte Kugelschieber. Während zwei Kugelschieber nach gründlicher Reinigung umgehend wieder betriebsfähig waren – lediglich ihre Steuerung musste aufgrund eines Defekts erneuert werden –, war der dritte so stark beschädigt, dass eine umfassende Sanierung unumgänglich wurde. Er erhielt unter anderem eine neue Kugel sowie neue Dichtringe.
Nach 18 Monaten wieder vollständig in Betrieb
Im Mai 2025 konnte das Kraftwerk Grono nach einem Ausfall von rund 320 Tagen wieder mit zwei Maschinengruppen in Betrieb genommen werden. Sieben Monate später, Ende Dezember, wurde schließlich auch der sanierte Kugelschieber eingebaut, sodass seither alle drei Maschinen wieder laufen. Nach insgesamt fast 18 Monaten Unterbrechung ist die Anlage damit wieder vollständig in Betrieb. Rückblickend sei vor allem die Anfangsphase entscheidend gewesen, erklärt Felix Hansmann: „Es brauchte zu Beginn umfangreiche Konzepte, wie wir die Räumungs- und Instandstellungsarbeiten sicher angehen könnten.“ Da praktisch alle Anlagenteile betroffen waren, war entsprechend breites Fachwissen gefragt. Ein entscheidender Vorteil lag darin, dass der Großteil der Arbeiten mit internen Kräften geplant und umgesetzt werden konnte. Entsprechend lang ist die Liste der beteiligten Fachabteilungen – von Projekt- und Bauleitung über Talsperren, Geologie/Naturgefahren und Umwelt bis hin zu Stahlwasserbau, Konstruktion, Mechanik, Elektrotechnik und Versicherung. Insgesamt standen rund 20 Fachleute der Engineering Abteilung der Axpo Hydroenergie & Biomasse im Einsatz, unterstützt vom Betriebspersonal der Axpo-Kraftwerksgruppe Misox, die insgesamt 6 Anlagen im Misox betreuen, sowie etwa fünf externen Mitarbeitenden. „Das Teamwork war hervorragend – wir profitierten von viel Fachwissen und kurzen Wegen“, bilanziert Hansmann. Der erhebliche Aufwand schlägt sich auch finanziell nieder: Rund 8 Millionen Franken kostete die Sanierung, wovon etwa zwei Drittel durch die Versicherung gedeckt sind. Hinzu kommen Produktionsausfälle, die nur teilweise kompensiert wurden – allerdings konnte Axpo diese dank ihres breiten Kraftwerksparks relativ gut auffangen.

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Automatische Abschaltung soll Schäden begrenzen
Als Konsequenz aus dem Ereignis wurden zunächst einige gezielte bauliche Optimierungen umgesetzt, um die Anlagen künftig besser gegen Unwetterfolgen zu schützen. So erhielt etwa eine Fassung von Grono ein zusätzliches Schutzdach zur Sicherung des Betriebsgebäudes, und bei der Druckleitung des Kraftwerks Lostallo wurde ein Schutzbauwerk errichtet, das die Leitung künftig vor möglichen Verklausungen bewahren soll. Gleichzeitig zeigte die detaillierte Aufarbeitung im Nachgang aber auch die Grenzen solcher Maßnahmen auf. Baulich lässt sich eben nicht jede Komponente eines Wasserkraftwerks schützen. Für viele Kraftwerksbetreiber in den Alpen wären deshalb noch exaktere Wetterprognosen wünschens- und erstrebenswert für die Zukunft. In diesem Punkt ist Felix Hansmann aber skeptisch: „Eine frühzeitige Überwachung oder gar Vorhersage solcher Extremereignisse ist kaum möglich, da sich Gewitterzellen innerhalb kürzester Zeit entwickeln und nicht verlässlich prognostizierbar sind.“
Daher liege der Fokus heute auf einer schnellen Reaktion im Ereignisfall. Bei Grono wurde nun ein neues Detektions- und Steuerungssystem implementiert, das die Anlage bei sprunghaft ansteigendem Pegel und/oder starker Trübung umgehend und vollautomatisch abschalten soll. „Damit kann verhindert werden, dass Geröll und Schlamm überhaupt in das Triebwassersystem gelangen“, erklärt Hansmann. Diese Maßnahme reduziert das Schadensrisiko erheblich, auch wenn sie keinen vollständigen Schutz bietet: Dass sich Stausee und Fassungen bei intensiven Niederschlägen wieder mit Material füllen, wird sich bei Ereignissen dieser Art auch in Zukunft nicht verhindern lassen. Und doch ist dies deutlich weniger gravierend als ein verlegtes Triebwassersystem inkl. Maschinengruppen. Die Erfahrungen am Kraftwerk Grono zeigen klar, dass man sich als Kraftwerksbetreiber kaum gegen Naturkatastrophen dieses Ausmaßes stemmen – wohl aber deren Auswirkungen durch Schutzmaßnahmen dämpfen kann. Angesichts häufiger werdender Extremereignisse infolge des Klimawandels wird genau diese Fähigkeit zur Schadensbegrenzung künftig noch wichtiger werden.
Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 2/2026




