Kraftwerksrevitalisierung an der Perschling: Stadtgemeinde Tulln steigert Ökostromproduktion aus Wasserkraft

13. Januar 2026, Lesedauer: 8 min

Seit November 2024 erzeugt in der niederösterreichischen Marktgemeinde Atzenbrugg ein grundlegend saniertes Kleinwasserkraftwerk an der Perschling wieder sauberen Strom. Realisiert wurde das Projekt von der TullnEnergie GmbH, welche den sanierungsbedürftigen Standort im Vorjahr übernommen hat. Nach dem verheerenden niederösterreichischen Hochwasserereignis im Herbst 2024 musste die Niederdruckanlage mit großem Aufwand wieder in Schuss gebracht werden. Weil im überschwemmten Maschinengebäude das Wasser bis unter die Decke gestanden hatte, musste das gesamte elektrotechnische Equipment komplett neu ausgeführt werden. Zuständig für die Erneuerung war der niederösterreichische Automatisierungsspezialist­ ­Schubert CleanTech GmbH, der seine Kompetenz ein weiteres Mal unter Beweis stellen konnte.

Kraftwerk Perschling Schaltanlagengebäude_Hochwassersicher
Das elektrotechnische Equipment wurde zum Schutz vor zukünftigen Hochwässern in einem erhöhten Schaltanlagengebäude installiert.
© Schubert

TullnEnergie GmbH: Kommunaler Ökostromanbieter mit Fokus auf erneuerbare Energien

Die TullnEnergie GmbH, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der niederösterreichischen Stadtgemeinde Tulln, ist ein moderner Energiedienstleister, der sich die Nutzung erneuerbarer Energien groß auf die Fahnen geschrieben hat. Das Kundenspektrum von TullnEnergie umfasst rund 2.500 Privatkunden sowie über 100 Gewerbebetriebe. Zudem werden auch die kommunalen Einrichtungen der Stadtgemeinde mit nachhaltig erzeugtem Strom versorgt. Stolz zeigen sich die Tullner über ihre Partnerschaften mit mehreren Energiegemeinschaften, die auf eine Stärkung der regionalen Energieunabhängigkeit abzielen.

Kraftwerk Perschling Besichtigung Vor Umbau
Technische Bestandsaufnahme beim Niederdruckkraftwerk an der Perschling vor dem verheerenden Hochwasserereignis.
© Schubert

Sauberer Ökostrom aus ganz Österreich

„Zu unserer Bilanzgruppe zählen Anlagen, die über ganz Österreich verteilt sind – beispielsweise Windräder aus dem St. Pöltner Raum oder dem Waldviertel, aber auch steirische oder Kärntner Wasserkraftwerke“, betont TullnEnergie-Geschäftsführer Johannes Sanda. Zudem ist TullnEnergie auch selber als Ökostromerzeuger aktiv. Der Großteil der Eigenstromproduktion stammt von knapp 40 Photovoltaik-Anlagen an verschiedenen Standorten. Die leistungsstärkste PV-Anlage befindet sich auf dem Dach der Tullner Messehalle, diese verfügt über eine Leistungskapazität im Megawattbereich. Im Jahresdurchschnitt kann die Stadtgemeinde mit ihren PV-Anlagen rund 4,5 GWh „Sonnenstrom“ erzeugen, umgerechnet entspricht das dem Jahresbedarf von ca. 1.500 Haushalten.

Kleinwasserkraft mit Tradition: Stromerzeugung an der Perschling

Kraftwerk Perschling Schaltanlage Neu
Moderener E-Technik-Schaltschrank mit Touchscreen-Bedienpanel
© Schubert

Seit dem vergangenen November produzieren die Tullner auch mit einem eigenen Kleinwasserkraftwerk Strom. Dieses befindet sich an der Perschling in der rund 15 Kilometer vom Tullner Stadtzentrum entfernten Marktgemeinde Atzenbrugg. Vor dem Erwerb durch TullnEnergie erzeugte das bereits seit längerer Zeit stillgelegte Kraftwerk Strom für die Langer Mühle, der letzten noch aktiven Getreidemühle in der Region Tullnerfeld. Die Mehlproduktion am Standort geht historischen Aufzeichnungen zufolge bis ins 11. Jahrhundert zurück. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die alte Mühle bereits mit einem mechanischen Wasserrad angetrieben wurde. Grundsätzlich handelt es sich beim Kraftwerk Perschling um ein klassisches Laufwasserkraftwerk, bei dem die Stauhaltung des Gewässers durch ein Streichwehr mit fixer Überfallkante erfolgt. Das Herzstück der Anlage bildet eine horizontalachsige Kaplan-Turbine aus dem Baujahr 1983, die mittels Riemenübersetzung einen Generator antreibt. Ausgelegt wurde die Turbine auf 1.500 l/s Ausbauwassermenge und ca. 3 m Fallhöhe, unter Volllast schafft die Maschine 37 kW Engpassleistung.

Hochwasser 2024: Massive Schäden an der Wasserkraftanlage

Die notwendige Sanierung des Traditionskraftwerks sollte sich für die neuen Eigentümer aufgrund höherer Gewalten als weitaus aufwändiger gestalten als angenommen. Denn weniger als drei Monate nach der Unterschrift des Kaufvertrags war Niederösterreich zwischen dem 13. und 20. September 2024 von einem Hochwasserereignis betroffen, das nahezu das gesamte Landesgebiet erfasste und Schäden in Milliardenhöhe verursachte. Innerhalb von fünf Tagen gingen flächendeckend rund 200 l/m² Regen nieder, in manchen Regionen sogar 400 bis 500 l/m². Die Perschling gehörte zu jenen Flüssen, an denen sogar ein 300-jährliches Hochwasserereignis aufgetreten ist. „Die Aufräumarbeiten waren beträchtlich“, betont Johannes Sanda: „Im Staubereich des Kraftwerks hatten sich Tausende Kubikmeter Schlamm und Treibgut angesammelt, es dauerte zwei Wochen, bis die Wehranlage wieder freigeräumt war. Auch die technische Ausstattung des Kraftwerks war schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Im unterirdischen Maschinengebäude, in dem auch die elektrotechnischen Komponenten untergebracht waren, stand das Wasser bis zur Decke.“

Kraftwerk Perschling Maschinensatz_nach_Revit
Der Maschinensatz war bereits bei einem früheren Wassereintritt ins Krafthaus komplett überschwemmt worden – die Kärntner Revitalisierungsspezialisten EFG sorgten für dessen umfassende Sanierung.
© Schubert

Revitalisierung durch österreichische Wasserkraft-Experten

Für die Revitalisierung des Kraftwerks beauftrage TullnEnergie eine ganze Reihe österreichischer Branchenexperten. Dabei war der renommierte Kärntner Ökoenergieexperte Christoph Aste in beratender Funktion tätig. Der Maschinensatz, der bereits vor dem Hochwasser durch einen Wassereintritt komplett überschwemmt worden war, wurde durch die Kärntner Revitalisierungsspezialisten EFG in jeglicher Hinsicht wieder auf Vordermann gebracht. Mit dem Austausch der Schützenanlage an der Wehr, die nach dem Hochwasser komplett erneuert werden musste, wurde die oberösterreichische Danner Wasserkraft GmbH beauftragt. Die aus Stampfbeton bestehenden Trennpfeiler der Wehranlage wurden nach der Überflutung vom Baukonzern STRABAG mit Spritzbeton schutzbeschichtet. Vollständig neu ausgeführt werden musste zudem das elektro- und leittechnische Equipment der Niederdruckanlage. Diesen Auftrag sollten die Automatisierungsspezialisten der Schubert CleanTech GmbH erledigen, die den Tullnern seit Jahrzehnten als zuverlässige Partner bekannt sind, und bereits eine Vielzahl von Wasserwirtschaftsprojekten für die Stadtgemeinde umgesetzt hatten.

Kraftwerk Perschling Anlagen_Bedienbild 122 X 91 mm
Visualisierung der Kraftwerks-Leittechnik von Schubert CleanTech
© Schubert

Automatisierung und Leittechnik von Schubert CleanTech

„Um die elektronischen Komponenten des Kraftwerks vor zukünftigen Überschwemmungen zu schützen, wurde diese in einem hochwassersicheren Schaltanlagengebäude untergebracht, das an erhöhter Position neu errichtet wurde. Weil die Anlage nun ins öffentliche Netz einspeist, war auch die Verlegung einer neuen Energieableitung zu einer Trafostation des Energieversorgers EVN notwendig“, erklärt Christian Schwarzen­bohler, Schubert-Divisionsleiter für den Bereich Energieerzeugung. Die Herstellung der neuen Energieableitung und der dazugehörige Freiluft-Zählerverteiler waren ebenfalls im Schubert-Lieferumfang enthalten. Im Zuge der Revitalisierung wurden auch die technischen Gewerke an der Wehranlage in die Automatisierung miteinbezogen. Die Anlage wurde mit sämtlichen erforderlichen Einrichtungen in Bezug auf Netzverträglichkeit, IT-Sicherheit, Monitoring und Fernbedienbarkeit ausgestattet, womit diese nun auch vom zentralen Leitsystem der TullnEnergie überwacht und bedient werden kann. „Die Anlage ist nun auf dem Stand der Technik und für einen wirtschaftlichen Betrieb in den nächsten Jahrzehnten gerüstet. Mit dem Retrofit-Programm von Schubert CleanTech konnte einmal mehr die Performance einer Kraftwerksanlage gesteigert sowie der Schritt ins Digitalisierungszeitalter gesetzt werden“, bekräftigt Christian Schwarzenbohler.

Kraftwerk Perschling Wehr_nach_Revitalisierung
An den Trennpfeilern am Streichwehr wurde eine schützende Spritzbetonschicht aufgetragen, zudem wurde die Schützenanlage erneuert.
© Schubert

Intelligente Rechenreinigung und Hochwasserwarnsystem

Der Schubert-Projektleiter Markus Hofstötter spricht ebenfalls von einem erfolgreichen Projekt und geht im Detail noch auf die Automatisierung des Rechenreinigers beim Kraftwerkseinlauf ein: „In der Betriebsart Pegelregelung wird versucht, den Wasserpegel nach dem Rechen auf dem eingestellten Niveau-Sollwert zu halten, wenn keine größere Wassermenge, als die Turbine verarbeiten kann, zufließt. Sollte durch Verklausungen am Rechen der Differenz-Grenzwert der Pegel-Sonden vor bzw. nach dem Rechen erreicht werden, wird ein einzelner Reinigungsdurchlauf gestartet. Gezählt werden die Einzeldurchläufe durch einen Endschalter. Zusätzlich wurde eine Langzeitüberwachung eingerichtet, die eine Blockierung des Rechens signalisieren kann. Um potentiellen Verklausungen vorzubeugen, können auch zeitabhängige Einzeldurchläufe des Rechenreinigers vorgegeben werden. Wenn der Wasserpegel vor dem Rechen einen eingestellten Grenzwert erreicht, wird automatisch eine Hochwasserwarnung abgesetzt.“ Markus Hofstötter ergänzt, dass sich das Leitsystem des Kraftwerks im Bürogebäude der Tullner Kläranlage befindet. Dort erfolgt die Bedienung über einen Server-PC, der die aktuellen Daten von der Außenstation visualisiert. Die Messdaten und Störungsmeldungen werden vom Kraftwerk an das Leitsystem mittels LTE-Modem übertragen und aufgezeichnet. „Die Bedienung des Kraftwerks sollte in diesem Fall auf das Starten und Stoppen der Turbine begrenzt werden – eine Parameteränderung soll nicht über die Fernwartung durchgeführt werden. Störungen mit der Kategorie Warnung können über das Leitsystem quittiert werden. Der Rest muss vor Ort in Atzenbrugg über das Bediengerät und dessen Störungsquittierung erfolgen“, so der Projektleiter.

Gruppenfoto Kraftwerk Perschling
Die beiden Geschäftsführer der TullnEnergie GmbH Robert Gutscher (li.), Johannes Sanda (re.) und der Tullner Bürgermeister Peter Eisenschenk in der Bildmitte kurz nach der Wiederinbetriebnahme des Traditionskraftwerks im November 2024.
© Stadtgemeinde Tulln

Mehr Ökostrom durch revitalisierte Wasserkraftanlage

TullnEnergie-Geschäftsführer Johannes Sanda zieht ein durchwegs positives Fazit über die Kraftwerksrevitalisierung, die im November 2024 abgeschlossen werden konnte: „Wenn man das Hochwasser ausklammert, das erhebliche Zusatzkosten verursacht hat, war es ein sehr schönes Projekt, das unsere jährliche Eigenproduktion um ca. 200.000 kWh erhöht hat. Trotz der schwierigen Begleitumstände ist es gelungen, eine historische Anlage an einem bewährten Standort fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Sehr erfreulich ist die Tatsache, dass die Turbinenleistung im Zuge der Revitalisierung um 8 Prozent gesteigert werden konnte. Grundsätzlich haben alle an der Umsetzung beteiligten Unternehmen sehr gute Arbeit geleistet, denn ohne kompetente Partner wäre der Projekterfolg nicht möglich gewesen.“

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 5/2025