Wiederbelebtes Blautopf-Kraftwerk erzeugt Ökostrom für Trinkwasserversorgung

4. Mai 2026, Lesedauer: 7 min

Bild: © Electro Clara

2024 startete in Blaubeuren die Sanierung des Blautopf-Areals, das zu den zentralen Sehenswürdigkeiten der Kleinstadt im Alb-Donau-Kreis gehört. Im Sommer 2025 konnte bereits die Erneuerung des jahrzehntelang stillgelegten Kleinwasserkraftwerks am Areal abgeschlossen werden. Seither erzeugt das modernisierte Kraftwerk wieder saubere Energie, die direkt vor Ort zur Versorgung des Trinkwasser-Pumpwerks am Blautopf-Areal verwendet wird. Das komplette Stahlwasserbauequipment für das Kraftwerk und die erneuerte Wehranlage lieferte der bewährte Südtiroler Branchenexperte Wild Metal GmbH. Der ebenfalls aus Südtirol stammende Automatisierungsspezialist Electro Clara sorgte für die elektro- und leittechnische Ausstattung.

Blautopf Kraftwerk
Die tiefblauen Farbtöne des Naturdenkmals in Blaubeuren ziehen alljährlich hunderttausende Besucher an.
© Wikimedia/BPA

Revitalisierung des Blautopf-Areals verbindet Denkmalschutz, Wasserkraft und Tourismus

Das Blautopf-Areal am Rand der Altstadt von Blaubeuren ist ein sprichwörtlicher Touristenmagnet, der alljährlich bis zu 500.000 Besucher anlockt. Seine Anziehungskraft verdankt das Areal, auf dem sich auch eine historische Hammerschmiede befindet, dem namensgebenden Blautopf. Dabei handelt es sich um eine natürliche Karstquelle, die je nach Tageszeit und Lichteinfall in verschiedenen tiefblauen Farbtönen schimmert. Weil die baulich-technische Infrastruktur rund um das Wahrzeichen der baden-württembergischen Kleinstadt in die Jahre gekommen ist, wurde 2024 ein umfassendes Revitalisierungsprojekt in Angriff genommen. Mit den Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen wird auf den Erhalt der zum Teil denkmalgeschützten Bausubstanz, der Attraktivitätssteigerung des Areals sowie auf pragmatische Erfordernisse wie Barrierefreiheit und Sicherheitsaspekte abgezielt.

Blautopf Kraftwerk
Die historische Wehranlage befindet sich hinter der modernen Wehrklappe vom Südtiroler Stahlwasserbauspezialisten Wild Metal.
© Wassermüller

Revitalisiertes Kleinwasserkraftwerk als Energiequelle

Mit der Fertigstellung einer neuen Wehranlage, die den Besuchern eine barrierefreie Umrundung des Areals ermöglicht, konnte im Sommer 2025 ein wichtiger Meilenstein bei der Blautopf-Sanierung erreicht werden. Die Wehranlage gehört zur Infrastruktur eines reaktivierten Kleinwasserkraftwerks am Areal, das aufgrund technischer Gebrechen knapp 30 Jahre stillgestanden hatte. „Von der Wiederbelebung des Wasserkraftwerks profitiert der Zweckverband Albwasserversorgungsgruppe III, der mit seinem Pumpwerk am Blautopf im Jahr 2024 durchschnittlich über 1.122 m³ Wasser pro Tag auf die Hochfläche der Schwäbischen Alb befördert hat. Der vom Kraftwerk erzeugte Strom kann vom Zweckverband nun für die Eigenbedarfsabdeckung des Pumpwerks verwendet werden“, erklärt Projektleiter Andreas Kramer vom Ingenieurbüro Wassermüller aus Ulm, das für die Planung der Wehranlagen- und Kraftwerkserneuerung zuständig war. Im Verbund mit acht weiteren Ingenieurbüros bzw. Fachplanern ist Wassermüller weiterhin mit der Sanierung des Blautopf-Areals beschäftigt.

Blautopf Kraftwerk
Im Rahmen der Sanierung des Blautopf-Areals wurde eine neue Wehranlage errichtet und ein Kleinwasserkraftwerk reaktiviert. Das Stahlwasserbauequipment und das regelungstechnische Equipment lieferten die Südtiroler Wasserkraftprofis Wild Metal und Electro Clara.
© Electro Clara

Blautopf-Sanierung zwischen Denkmalschutz, Naturschutz und Baupraxis

Andreas Kramer zufolge brachten die Erneuerungsprojekte einige Herausforderungen mit sich. Der Blautopf hat einen Status als Naturdenkmal und zählt dadurch zu den höchsten ökologischen Schutzgütern. Somit war das Projekt an eine ganze Reihe von Naturschutzauflagen gekoppelt. Darüber hinaus hatte auch der Denkmalschutz hohe Priorität. In geologischer Hinsicht waren wegen der Beschaffenheit des Baugrunds aufwändige Wasserhaltungsmaßnahmen notwendig. Hinzu kamen noch Proteste von Gastronomen und Unternehmen, die aus wirtschaftlichen Gründen die Öffnung des Areals für Besucher während der Sanierung forderten. Den Beschwerden wurde stattgegeben, indem ein beschränkter Zugang zum Areal ermöglicht wurde. Die Teilöffnung des Areals freute zwar die Besucher und Geschäftstreibenden, allerdings verkomplizierte diese Maßnahme die Umsetzung der Bauarbeiten. Der Projektleiter merkt an, dass für die Restaurierung der unter Denkmalschutz stehenden alten Wehranlage großer Aufwand betrieben wurde. „Für den Ab- und Wiederaufbau des historischen Wehrs haben wir mit einem Fachmann für Denkmalschutz zusammengearbeitet, der jeden Stein kartiert bzw. dokumentiert hat. Die alten Wehrsteine wurden abgebaut, zwischengelagert und beim Wiederaufbau Stück für Stück wieder an Ort und Stelle gesetzt.“

Blautopf Kraftwerk
Am Einlaufbereich der Kraftwerksanlage sorgt ein elektromechanisch angetriebener Rechenreiniger für optimale Zuflussbedingungen.
© Wild Metal

Stahlwasserbautechnik von Wild Metal für Wehranlage am Blautopf

Die neue Wehranlage am Blautopf wurde unmittelbar vor der alten Wehr positioniert, das nach der Sanierung als historisches Baudenkmal dient. Geliefert und montiert wurde das gesamten Stahlwasserbauequipment von der renommierten Südtiroler Wild Metal GmbH. „Damit im Schadensfall das Wasser des Blautopfs nicht verunreinigt wird, wurden die beweglichen Stahlwasserbaukomponenten bewusst nicht mit ölhydraulischen Antrieben ausgerüstet. Stattdessen kommen ausschließlich elektromechanische Antriebssysteme zum Einsatz. Bei der Konstruktion der Stahlwasserbauteile wurde dem Kundenwunsch entsprechend auf ein möglichst unauffälliges bzw. harmonisches Design Wert gelegt“, erklärt Wild Metal-Techniker Daniel Polig. Das größte Bauteil des Wild Metal-Lieferumfangs bildete die 9,5 m breite Wehrklappe, die mit einer mittig angeordneten Öffnung zur Restwasserabgabe ausgestattet wurde. Der auf der linken Wehrseite positionierte Klappenantrieb wurde mit einem Hochwasserschwimmkörper ausgerüstet, der beim Erreichen eines bestimmten Pegelstands die Notöffnung der Wehrklappe auslöst. Für den Kraftwerkseinlauf lieferten die Südtiroler einen ca. 4,1 m breiten sowie 1,1 m hohen Schutzrechen mit horizontalem Stabprofil und die dazugehörige Rechenreinigungsmaschine inklusive Einhausung. Der pegelgeregelte Rechenreiniger sorgt für optimale Zuflussbedingungen am Einlaufbereich. Das vom Schutzrechen entfernte Geschwemmsel wird von der Putzharke zu einem Drehschütz befördert und somit auf direktem Weg in den Unterwasserbereich abgeführt. Vervollständigt wurde der Wild Metal-Lieferumfang durch einen Dammbalkenverschluss und einen zusätzlichen Absperrschütz.

Blautopf Kraftwerk
Visualisierung der Kraftwerksleittechnik von Electro Clara.
© Electro Clara

Reaktivierung der Francis-Turbine im Kleinwasserkraftwerk Blautopf

Im Maschinengebäude des Kleinkraftwerks wurde die Bestandstechnik grundlegend modernisiert bzw. erneuert. An der vertikalachsigen Francis Turbine, die wegen eines größeren Schadens knapp drei Jahrzehnte stillgestanden hatte, wurde eine umfassende Revitalisierung durchgeführt. Die 1962 eingebaute Turbine ist auf eine maximale Durchflusskapazität von 1.820 l/s und 2 m Fallhöhe ausgelegt. Vor ihrer Stilllegung diente die Turbine zum mechanischen Antrieb einer Trinkwasser-Doppelkolbenpumpe, die mittlerweile schon lange außer Betrieb ist. Im Rahmen der elektromechanischen Modernisierungen im Krafthaus wurde die Turbine mit einem neuen Getriebe und einem neuen Asynchron-Generator ausgestattet. Damit kann der im Prinzip neuwertige Maschinensatz, der bei vollem Wasserdargebot 37 kW Engpassleistung erreicht, das Trinkwasserpumpwerk des Zweckverbands mit sauberem Strom versorgen. Für die Ausführung der elektro- und leittechnischen Komponenten war das Südtiroler Unternehmen Electro Clara zuständig, das als Subauftragnehmer von Wild Metal tätig war. Die Automatisierungsspezialisten lieferten das komplette regelungstechnische Equipment für das Wasserkraftwerk und die Stahlwasserbaukomponenten. Zudem programmierte Electro Clara die anwenderfreundlich visualisierte Kraftwerkssteuerung, die für den vollautomatischen Betrieb der Anlage sorgt. Der Zugriff auf die Steuerung kann entweder im Maschinengebäude über ein Touchscreen-Display oder mittels Online-Anbindung über verschiedene Endgeräte wie PC, Tablet oder Smartphone erfolgen.

Blautopf Kraftwerk
Der Maschinensatz des wiederbelebten Kleinwasserkraftwerks schafft bei vollem Wasserdargebot 37 kW Engpassleistung.
© Wassermüller

Weiterführung der Blautopf-Arealsanierung bis 2028

Im Sommer 2025 wurden die Erneuerung der Wehranlage und die Revitalisierung des Kleinwasserkraftwerks abgeschlossen. Seit Anfang Juli kann die Ökostromanlage wieder sauberen Strom produzieren. Laut Andreas Kramer handelte es sich um ein gleichermaßen spannendes und herauforderndes Projekt: „Die Umsetzungen waren zwar nicht immer ganz einfach, dank der professionellen Zusammenarbeit aller beteiligten Unternehmen konnten die unterschiedlichen Sanierungs- und Erneuerungsmaßnahmen aber zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden. Es ist sehr erfreulich, dass die lange Zeit ungenutzte Infrastruktur des Kraftwerks wiederhergestellt wurde. Die energietechnische Symbiose zwischen Wasserkraftwerk und Pumpwerk ist definitiv gut gelungen.“ Andreas Kramer zeigt sich zuversichtlich, dass auch die Gesamtsanierung des Blautopf-Areals, deren Fertigstellung für das Jahr 2028 avisiert ist, einen positiven Abschluss finden wird. „Es bleibt spannend – aber als Team kriegen wir das hin.“

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 6/2025