Zwei Zeitfenster – ein Ziel: Hochdruck-Sanierung am Wasserkraftwerk Malgovert in den französischen Alpen
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Die Wasserkraftanlage Malgovert, betrieben von Électricité de France (EDF), zählt zu den bedeutendsten Hochdruck-Speicherkraftwerken der französischen Alpen. An der 70 Jahre alten Anlage war es notwendig Druckrohrleitungsstücke mit einem Durchmesser von DN2200, sechs Mannlöcher sowie Seilumreifungen zu erneuern, um den neuen technischen Anforderungen zu entsprechen und die Betriebsbereitschaft der Anlage zu gewährleisten. Diese Arbeiten wurden in zwei Zeitfenstern von jeweils vier Monaten (April bis Juli) in den Jahren 2024 und 2025 durchgeführt. Für diese Maßnahmen mussten die betreffenden Druckrohrleitungen komplett entleert und jeweils zwei Pelton-Turbinen abgeschaltet werden. Den Auftrag für den Austausch der sanierungsbedürftigen Anlagenteile erhielt der österreichische Branchenspezialist Bilfinger im Sommer 2023. Trotz großer Herausforderungen konnten die Stahlbauexperten das Projekt termingerecht abschließen.

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Hochdruck-Wasserkraftwerk Malgovert: Instandhaltung einer alpinen Schlüsselanlage von EDF
Die Wasserkraftanlage Malgovert der Électricité de France (EDF) befindet sich im Tarentaise-Tal in der Region Savoie und wurde im Jahr 1953 in Betrieb genommen. Das Kraftwerk Malgovert wird über einen 15 km langen Stollen vom Lac des Brévières unterhalb des Lac du Chevril in Tignes gespeist. Die Anlage nutzt das Gefälle zwischen dem Lac des Brévières und dem Fluss Isère und zeichnet sich durch eine Fallhöhe von rund 750 Metern aus. Über die 15 Kilometer lange Druckstollen-Galerie sowie mehrere Nebenfassungen wird das Wasser zu vier Pelton-Doppelturbinen geleitet, die eine installierte Gesamtleistung von ca. 300 MW bereitstellen. Die jährliche Stromproduktion liegt bei etwa 630 GWh und leistet somit einen bedeutenden Beitrag zur regionalen Energieversorgung. Nach der Energieerzeugung wird das Wasser in die Kompensationsbecken von Montrigon zurückgeführt. Das Kraftwerk Malgovert steht exemplarisch für die effiziente Nutzung alpiner Wasserressourcen und die ingenieurtechnische Umsetzung von Hochdruck-Wasserkraftwerken im Gebirge. Die Anlage ist ein integraler Bestandteil der französischen Energieinfrastruktur und ein technisches Denkmal der Nachkriegszeit.
Alpine Sanierung unter Extrembedingungen im Kraftwerk Malgovert
Aufgrund der topografischen Verhältnisse mussten alle Bauteile entweder auf vorhandenen Plattformen oder teilweise im Tal zwischengelagert werden. Kranhebearbeiten waren auf Grund der schmalen und unbefestigten Zufahrten nur an zwei Stellen möglich. An allen anderen Arbeitsstellen war der An- und Abtransport nur per Hubschrauber realisierbar. Lediglich kleinere Teile und Materialien konnten vom Personal per Hand über die steilen Zugänge zu den Arbeitsstellen gebracht werden. Da keine zentrale Stromversorgung vorhanden war, kamen mobile Stromaggregate mit entsprechender Leistung zum Einsatz, damit die ausreichende Stromversorgung jederzeit gewährleistet werden konnte.
Das Wetter spielte bei der Arbeitsplanung ebenfalls eine wesentliche Rolle und sorgte stellenweise für Verzögerungen. „In den französischen Alpen muss man im Frühling immer wieder mit teilweise starken Schneefällen rechnen. Ende April 2025 kam es zu einem plötzlichen und intensiven Wintereinbruch, wodurch wir unsere Arbeiten eine Woche komplett einstellen mussten“, erklärt Daniel Sofic, Projektleiter bei Bilfinger.

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Arbeiten unter engen Temperaturvorgaben
Im Vorfeld wurden die zu sanierende Bereiche mit Laserscans vermessen. Auf dieser Basis konnte der Tausch der entsprechenden Teile exakt geplant werden. Für den Austausch der Druckrohrleitungsstücke gab es spezielle Vorgaben vom Kunden EDF einzuhalten. Diese sahen vor, dass der Zusammenschluss der neuen Rohrteile mit dem Altbestand nur in einem bestimmten Temperaturfenster zwischen 8 °C und maximal
12 °C erfolgen darf. Ansonsten hätte das Risiko bestanden, dass die Bewegungen der neuen Rohre aufgrund der Temperaturunterschiede an den vorgesehenen Stellen der Druckrohrleitungen zu stark vom Altbestand abweichen könnten. Somit stand man unter Zeitdruck: Denn mit dem Fortschreiten der Bauphase stiegen den Jahreszeiten entsprechend auch die Außentemperaturen. Das hatte zur Folge, dass die schwarz gefärbten Rohrteile, die sich naturgemäß noch schneller erwärmen, auch während der Nachtstunden eine Temperatur von
12 °C nicht mehr unterschritten. „Damit die Termine eingehalten werden konnten, war es erforderlich, dass wir an manchen Tagen mit den Schweißarbeiten schon um 5:00 Uhr starteten, damit der Temperaturgrenzwert bzgl. der Zusammenschlüsse, der sogenannten ‚Clavage‘, nicht überschritten wurde“, erzählt der Projektleiter.
Logistische Herausforderungen zwischen Kraftwerksbau und Tourismus
Eine weitere Herausforderung ergab sich beim täglichen An- und Abtransport von Personal sowie Materialien, Werkzeugen und Maschinen über die unbefestigten Zufahrten, den sogenannten „Pisten“. Einerseits durch den Umstand, dass das Befahren dieser engen und holprigen Strecken wegen ihres schlechten Zustands nur mit allradbetriebenen Fahrzeugen möglich war. Andererseits werden die „Pisten“ von einer Downhill-Mountainbikestrecke gequert. „Diese Erschwernisse bestanden über die gesamte Bauzeit hinweg. Man musste sich täglich bei jeder Fahrt mit äußerster Vorsicht der querenden Mountainbikestrecke nähern, nach Mountainbikern Ausschau halten und als Warnung Hupzeichen geben, damit es zu keinem Zusammenstoß kam, und eine gefahrlose Weiterfahrt möglich war“, erklärt Daniel Sofic.

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Hubschrauberlogistik als Schlüsselfaktor bei der Kraftwerksinstandhaltung
Für die Hubschraubertransporte waren zwei unterschiedliche Helikopter erforderlich. Ein Helikopter für kleinere Lasten mit einem maximalen Gewicht von 850 kg und ein großer Helikopter für Lasten mit einem maximalen Gewicht von 3.250 kg. Die Planung der Einsätze des kleineren Helikopters konnte mit einer Vorlaufzeit von einer Woche kurzfristig definiert und durchgeführt werden. Ein großer Unsicherheitsfaktor waren die Witterungsverhältnisse, da sich die Sichtverhältnisse in den unterschiedlichen Einsatzhöhen von 800 müA und 1400 müA minütlich ändern konnten. Daher war es immer wieder erforderlich, Transporte mit dem kleineren Helikopter spontan zu verschieben. Dementsprechend mussten sich auch alle anderen Arbeiten an diese Helikoptereinsätze anpassen. Die Planung des Einsatzes des großen Helikopters mit mindestens einem Monat Vorlaufzeit war eine Herausforderung, da alle Vorarbeiten und Vorbereitungen präzise zu planen waren. Im Hinblick auf die sich ständig ändernden Sichtverhältnisse war das Risiko entsprechend groß, dass der jeweilige Helikoptereinsatz eventuell nicht durchführbar war und verschoben werden musste. Daher musste diesbezüglich ein entsprechender Witterungspuffer einkalkuliert werden. Pro Jahr wurde ein Einsatz an zwei Stellen durchgeführt, wobei die Maximallast voll ausgeschöpft wurde. „Im Jahr 2025 war eine Verschiebung des Transportes mit dem großen Helikopter wegen schlechter Sicht am Flugtag um eine Woche erforderlich. Trotzdem konnte am Ende der eng gestrickte Terminplan eingehalten werden“, so der Projektleiter.

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Mannlochtausch samt Installation des Begehungsstahlbaus
Der Austausch der Mannlöcher war ebenfalls Teil des Auftrags und war ausschließlich im druckentlasteten Zustand der jeweiligen Druckrohrleitung möglich. Im Jahr 2024 wurden drei Mannlöcher an der ersten Druckrohrleitung erneuert, wobei temporäre Arbeitsgerüste für den Zugang und die Montage installiert und nach Abschluss der Arbeiten wieder demontiert wurden. Für die zweite Bauphase im Jahr 2025 wurde vor Beginn der Arbeiten ein dauerhafter Begehungsstahlbau an drei definierten Positionen errichtet. Dieser ermöglichte einen sicheren Zugang zu den Einbauorten und diente gleichzeitig als Trägerstruktur für die Lastaufnahme während der Hubschraubertransporte. Die Installation des Stahlbaus musste innerhalb eines engen Zeitfensters 2025 erfolgen, das durch die temporäre Entleerung beider Druckrohrleitungen und die damit verbundene Freigabe für Überflüge mit Lasten durch EDF vorgegeben war. Die Montagearbeiten an den Mannlöchern wurden durch die beengten Platzverhältnisse, die durch die Stahlbaukonstruktionen entstanden, zusätzlich erschwert. Die Positionierung der neuen Mannlöcher erforderte millimetergenaue Ausrichtung und eine präzise Anpassung an die bestehende Rohrgeometrie.
Tausch von starren Stahlseilumreifungen an den Druckrohrleitungen
Im Jahr 2024 bekam Bilfinger von EDF den Zusatzauftrag zwölf Stahlbandumreifungen zu installieren, welche die nicht mehr der geforderten Qualität entsprechenden starren Stahlseilumreifungen ersetzen sollten. Der Austausch der starren Stahlseilumreifungen an den beiden Druckleitungen durfte nur an der entleerten Druckrohrleitung durchgeführt werden. Da der Austausch beide Leitungen betraf und die EDF vorsah, bis Mitte Juni 2024 beide Druckrohrleitungen zu entleeren, wurde der Austausch aller starren Stahlseilumreifungen bis zu diesem Termin eingeplant. Diese Zusatzleistung wurde von Bilfinger mit verstärktem Personaleinsatz parallel zum Hauptauftrag durchgeführt und konnte trotz des enormen Zeitdruckes termingerecht umsetzt werden.
Erfolgreiche Instandhaltung des Hochdruckkraftwerks Malgovert vor Termin
Trotz der limitierten Bauzeitfenster von Anfang April bis Ende Juli während der beiden Jahre konnte Bilfinger die Arbeiten unter Einhaltung aller technischen und sicherheitsrelevanten Vorgaben erfolgreich abschließen. Bei Bilfinger hebt man hervor, dass die Fertigstellung der Arbeiten bis 11. Juli 2025 bereits zwei Wochen vor dem geplanten Endtermin geschafft wurde. Somit konnte EDF die zweite Druckrohrleitung erheblich früher als vorgesehen wieder in Betrieb nehmen. Die Maßnahme unterstreicht die Bedeutung einer integralen Planung zwischen Bau, Logistik und Betrieb bei der Instandhaltung kritischer Infrastruktur im Hochdruck-Wasserkraftbereich.
Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 6/2025