Neues Kraftwerksduo am Ellmaubach stärkt die Wasserkraft im Großarltal

3. Juli 2026, Lesedauer: 10 min

Bild: © Empl

Zwischen Sommer 2024 und Herbst 2025 wurden im Salzburger Großarltal zwei komplett neue Kleinwasserkraftanlagen am Ellmaubach errichtet. Während die Projektierungsphase rund 12 Jahre in Anspruch genommen hat, ging die Realisierung der beiden Anlagen weitaus schneller. Trotz des beträchtlichen Bauaufwands konnten das Kraftwerk Klaus und das Kraftwerk Andexer innerhalb kurzer Zeit ans Netz gebracht werden. Zu verdanken ist die rasche Umsetzung der Kompetenz einer ganzen Reihe von Branchenspezialisten aus Österreich und Südtirol, die ihrem guten Ruf alle Ehre machten. Beide Kraftwerke wurden mit Pelton-Turbinen in 6- bzw. 4-düsiger Ausführung ausgestattet, die über ein breites Betriebsband hinweg mit hoher Effizienz Strom erzeugen. Das jährliche Regelarbeitsvermögen der vorbildlich umgesetzten Ökostromanlagen beträgt im Verbund rund 4 GWh.

Klaus und Andexer Team bei Gruppenfoto im Kraftwerk vor roter Turbine und blauen Rohrleitungen.
Michael Ammerer, Markus Andexer und Johann Andexer (v.li.) freuen sich über ihre neuen Wasserkraftwerke im Salzburger Großarltal.
© zek

Zwei neue Wasserkraftwerke nutzen das Potenzial des Ellmaubachs

Johann Andexer, die treibende Kraft hinter dem Bau der neuen Wasserkraftwerke in Großarl, erklärt beim Gespräch mit zek HYDRO, dass er sich in seinem früheren Berufsfeld mit dem „Wasserkraftvirus“ infiziert habe: „Vor meinem Pensionsantritt war ich jahrzehntelang in der Gastronomie tätig, unter anderem auch im Hotel Alte Post in Großarl. Dort hat der ehemalige Seniorchef ein in den 1980er Jahren errichtetes Kleinwasserkraftwerk am Ellmaubach betrieben, das mich von Beginn an fasziniert hat.“ Um die Jahrtausendwende herum startete Johann Andexer mit der Konzeptionierung seines ersten eigenen Kleinwasserkraftwerks am steirischen Rantenbach, das 2008 in Betrieb gegangen ist. 2009 folgte schließlich die Gründung der Ökostrom-Bioenergie Andexer GmbH, die im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von weiteren Ökoenergieanlagen realisieren sollte. „Neben dem Bau von eigenen Kraftwerken sind wir auch als Projektentwickler für Kunden und Geschäftspartner im Kleinwasserkraft- und Photovoltaiksektor aktiv – unser Hauptaugenmerk liegt aber definitiv in der Wasserkraft“, betont Markus Andexer, der gemeinsam mit seinem Vater Johann der Ökostrom-Bioenergie Andexer GmbH als Geschäftsführer vorsteht.

Langer Planungs- und Genehmigungsprozess vor dem Baustart

Um ihre neuesten Anlagen – das Kraftwerk Klaus und das Kraftwerk Andexer – bauen zu können, mussten die Pongauer einen langen Atem unter Beweis stellen, sagt Johann Andexer: „Ursprünglich war es vorgesehen, dass die beiden Kraftwerke am Ellmaubach in Kooperation mit den Österreichischen Bundesforsten realisiert werden. Nachdem die Projekte bereits weit ausgearbeitet waren, hat man sich letztendlich doch geeinigt, getrennte Wege zu gehen. Das alles hat viel Zeit und eine gehörige Portion an Durchhaltevermögen gekostet.“ Als rechtliche Rahmen für die beiden Anlagen gründete man zwei separate Gesellschaften: Für das Unterliegerkraftwerk Klaus wurde die KWKW Ellmaubach GmbH gegründet, an der neben der Familie Andexer auch Michael Ammerer, der Neffe von Johann Andexer, mit 33 Prozent beteiligt ist. Das nach den Projektentwicklern benannte Oberliegerkraftwerk Andexer gehört zu 100 Prozent der Familie Andexer, für diese Anlage wurde die KWKW Andexer GmbH gegründet.

Kraftwerk Andexer aus Holz mit Pultdach vor einem bewaldeten Berghang in herbstlicher Landschaft.
Das Maschinengebäude des Kleinwasserkraftwerks Andexer.
© Andexer

Erfahrene Wasserkraftspezialisten setzen die Großarler Projekte um

Sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung setzten die Pongauer auf ausgewiesene Experten aus dem Bau- und Wasserkraftsektor. Mit der Generalplanung der beiden Kraftwerke wurde die interTechno Engineering GmbH beauftragt, die im Wasserbau und der Siedlungswasserwirtschaft einen ausgezeichneten Ruf genießt. Im Großarltal war interTechno somit in der jüngeren Vergangenheit bei drei Wasserkraftprojekten maßgeblich beteiligt. Denn auch der Ersatzneubau eines Kleinwasserkraftwerks auf der Breitenebenalm, über das zek HYDRO in der Dezember-Ausgabe 2025 ausführlich berichtet hat, wurde von den Steirern geplant. Für die Durchführung der kompletten Hoch- und Tiefbauarbeiten bei beiden Kraftwerken sowie die Verlegung der Druckrohrleitungen war die Empl Baugesellschaft mbH zuständig. Der im Salzburger Mittersill ansässige Traditionsbetrieb hat in seiner jahrzehntelangen Unternehmensgeschichte bereits eine Vielzahl von Wasserkraftwerken realisiert. „Dass wir die gesamten Bauarbeiten an die Firma Empl vergeben haben war definitiv ein Glücksgriff, sämtliche Baulose wurden schnell, sauber und professionell durchgeführt. Zudem wurden die Arbeiten auch mit größter Rücksichtnahme auf die Anrainer bzw. die Grundstückseigentümer im Projektgebiet durchgeführt – das war ein wichtiger Punkt, der ein gutes Miteinander während der Bauphase gewährleistet hat,“ sagt Johann Andexer.

Coanda-System und Tiroler Wehr optimieren den Triebwassereinzug

Bei der stahlwasserbaulichen Ausstattung der beiden Wasserfassungen setzten die Betreiber auf zwei unterschiedliche Systeme. Geliefert und fachgerecht montiert wurde das gesamte Stahlwasserbauequipment für die zwei Kraftwerke vom steirischen Branchenspezialisten Mayrhofer Maschinenbau. An der Wehranlage des Kraftwerks Klaus, die an der Einmündung des Zubringergewässers Buchbach errichtet wurde, erfolgt der Einzug des Triebwassers durch das Coanda-System „Grizzly Power Protec“ vom Südtiroler Stahlwasserbauexperten Wild Metal GmbH. Bei dem von Wild Metal entwickelten und patentierten Fassungssystem handelt es sich um ein zum Großteil selbstreinigendes Schutzsieb, das für den Einsatz im Wasserkraft- und Trinkwasserbereich konzipiert wurde. Dank seiner massiven Ausführung kommt der Südtiroler „Grizzly“, der im Wesentlichen aus einem Grobrechen und einer darunter liegenden Feinrechenfläche besteht, auch mit anspruchsvollsten Bedingungen im alpinen Terrain problemlos zurecht. Durch das namensgebende Coanda-Prinzip und den Abscher-Effekt werden Treibgut und Geschwemmsel durch den natürlichen Wasserstrom von der Feinrechenfläche gespült. Die Konstruktion stellt zudem sicher, dass der Sedimenteintrag durch den mit 0,6 mm Spaltweite ausgeführten Feinrechen auf ein Minimum reduziert wird. Komplettiert wird das Coanda-System durch ein über der Feinrechenfläche angeordnetes Schutzgitter aus massivem Stahl, das zuverlässigen Schutz vor grobem Treibgut wie Ästen oder Steinen gewährleistet.
An der Wehranlage des Kraftwerks Andexer wird das Triebwasser durch ein klassisches Tiroler Wehr entnommen, das mit 2,8 m Breite sowie 35 mm Stablichtweite ausgeführt wurde. Bei der Konstruktion des Grobrechens setzten die Stahlbauprofis von Mayrhofer Maschinenbau auf eine Sonderausführung mit eingefrästen Halbrundprofilen, die für einen optimalen Wassereinzug sowie einen größtmöglichen Selbstreinigungseffekt des Rechens sorgt. Nach der Ausleitung durch das Tiroler Wehr fließt das Triebwasser in ein Entsanderbecken, in dem die feinen Sedimente aus dem Wasser abgeschieden werden. Am Ende des Entsanders befindet sich ein vertikaler Feinrechen, der Treibgut vom Eintritt in die Druckrohrleitung fernhält. Für die Entfernung des Geschwemmsels dient ein hydraulisch betriebener Rechenreiniger in massiver Teleskoparmausführung, der das Rechengut in eine Spülrinne befördert, über diese wird es auf direktem Weg in den Unterwasserbereich abgeführt. Komplettiert wurde der Mayrhofer-Lieferumfang an den beiden Wasserfassungen durch diverse Absperr- und Regulierorgane, notschlusstaugliche Rohrbruchschützen, Hydraulikaggregate sowie die Verrohrungen der Hydraulikleitungen.

Duktile Gussrohre sorgen für sicheren Triebwassertransport

Hinsichtlich der Materialauswahl für die Druckrohrleitungen standen laut Johann Andexer glasfaserverstärkte Kunststoffrohre (GFK) und duktile Gussrohre zur Debatte: „Ich bin der Meinung, dass bei Wasserkraftprojekten ab einer gewissen Rohrdimension Gussrohre eine bessere bzw. sicherere Lösung darstellen. GFK-Rohre wären zwar um einiges günstiger gewesen, wir haben uns aber dennoch für die robusteren Gussrohre entschieden, um bei etwaigen Erdbewegungen auf der sicheren Seite zu bleiben.“ Ausgeführt wurden die beiden Kraftabstiege zwischen den Wasserfassungen und Maschinengebäuden mit duktilen Gussrohren vom französischen Hersteller Saint-Gobain PAM. Für die Logistik der Rohrtransporte waren die österreichischen Vertriebsspezialisten der Saint-Gobain PAM-Vertretung in Innsbruck zuständig. Der ca. 1,2 km lange Kraftabstieg des Kraftwerks Klaus wurde in der Dimension DN700 ausgeführt, die Druckrohleitung des Kraftwerks Andexer hat eine Länge von ca. 1,1 km, dort kommen Rohre in der Dimension DN600 zum Einsatz. Gemeinsam mit den Druckrohren wurden Strom- und Lichtwellenleiterkabel verlegt, welche die Energieversorgung und die digitale Anbindung der Wasserfassungen ermöglichen. Bei beiden Kraftwerken wurden Gussrohre der Firma Saint-Gobain PAM verbaut. Eingesetzt wurden Rohre der Produktreihe NATURAL BioZinalium. Dieses von PAM entwickelte, fortschrittliche Beschichtungssystem, bestehend aus einem Zink-Aluminium-Korrosionsschutz und einer speziellen Deckschicht, verleiht den Rohren einen besonderen, verstärkten Schutz gegen Korrosion. Neben der Beständigkeit gegen äußere Einflüsse und den robusten Materialeigenschaften überzeugen die Gussrohre mit ihren hydraulisch günstigen Innenflächen, die für optimale Fließbedingungen und die Minimierung von Reibungsverlusten beim Triebwassertransfer sorgen. Eine kleine Herausforderung stellten die Trassenführungen der zwei Kraftabstiege mit je einer Bachquerung dar. Dort wären für die Herstellung von Bachunterquerungen erhebliche Aufwände notwendig gewesen. Stattdessen wurde eine oberirdische Lösung mittels Rohrbrücken mit integrierten Be- und Entlüftungsventilen entwickelt, die von der Firma Alpe Pipe Systems aus Stams in Tirol geliefert wurden.

Massives Pelton-Laufrad aus Metall an Hebeketten während der Installation oder Wartung in einem Betonschacht.
Die Osttiroler Maschinenbau Unterlercher GmbH hat für die Fertigung von Pelton-Laufrädern ein patentiertes System entwickelt.
© Andexer

Pelton-Turbinen sichern effiziente Stromerzeugung am Ellmaubach

Bei der elektromechanischen Ausstattung ihrer neuen Ökostromanlagen setzten die Betreiber auf die Kompetenz der Osttiroler Maschinenbau Unterlercher GmbH. Die renommierten Wasserkraftallrounder lieferten für das Kraftwerk Klaus eine vertikalachsige Pelton-Maschine in 6-düsiger Ausführung, das Herzstück des Kraftwerks Andexer bildet eine ebenfalls vertikalachsige Pelton-Turbine in 4-düsiger Ausführung. Unterlercher setzt bei der Herstellung seiner Turbinenlaufräder auf ein patentiertes System. Dabei werden die Turbinenschaufeln aus einem Edelstahlblock gefräst und anschließend durch eine stoff- und formschlüssige Verbindung mit Seitenscheiben zu einem hochwertigen Bauteil zusammengefügt. Durch diese Fertigungsmethode erreicht Unterlercher ein Höchstmaß an Genauigkeit und Betriebssicherheit. Die stufenlose Positionsregelung von Düsennadeln und Strahlablenkern erfolgt mit elektrischen Servomotoren. Die mit 500 U/min drehende Turbine des Kraftwerks Klaus wurde auf 900 l/s Ausbauwassermenge und 78,5 m Nettofallhöhe ausgelegt, wodurch diese bei vollem Wasserdargebot 600 kW Engpassleistung erzielt. Beim Kraftwerk Andexer kann die mit 600 U/min drehende Turbine 550 l/s Ausbauwassermenge und 113,7 m Nettofallhöhe nutzen, womit diese unter Volllast 530 kW Engpassleistung schafft. Dank ihrer mehrdüsigen Ausstattung können die Turbinen auch bei stark verringerten Zuflüssen über ein breites Betriebsband hinweg effizient Strom produzieren. Vervollständigt wurden die Maschinensätze durch zwei jeweils direkt mit den Laufrädern gekoppelte Synchron-Generatoren. Während die Turbine des Kraftwerks Klaus mit einem Generator von AEM Dessau bestückt wurde, kommt beim Kraftwerk Andexer ein Generator vom oberösterreichischen Traditionshersteller Hitzinger zum Einsatz. Damit die Generatoren bei optimalen Temperaturen Strom erzeugen können, wurden diese mit Wasserkühlsystemen ausgestattet, deren Wärmetauscher vom abgearbeiteten Triebwasser gekühlt werden.

Monitor mit en-co Steuerungssoftware zeigt 3D-Modell einer Industrieanlage mit Leistungsdaten von 85 kW in einem Kraftwerk.
Der Südtiroler Automatisierungsspezialist EN-CO rüstete die beiden Kraftwerke mit moderner Elektro- und Regelungstechnik aus.
© zek

Dem modernen Stand der Technik entsprechend funktioniert der Betrieb der beiden Anlagen natürlich vollautomatisch. Für die Elektroplanung war die Firma Pitter aus Radstadt verantwortlich. Die Ausführung und Montage der elektro- und regelungstechnischen Komplettausstattung der Kraftwerke wurde von den Südtiroler Automatisierungsspezialisten EN-CO aus Sterzing durchgeführt, die auch für die Programmierung der Anlagensteuerungen zuständig waren. Der Zugriff auf die Steuerungen mit übersichtlichen Visualisierungen kann entweder direkt in den Maschinengebäuden über großzügig dimensionierte Touch-Panels oder aus der Ferne mittels internetfähiger Endgeräte wie PC, Tablet oder Smartphone erfolgen.

Neue Wasserkraftwerke am Ellmaubach rasch in Betrieb genommen

Beim zek HYDRO-Lokalaugenschein in Großarl im Spätherbst 2025 zeigten sich die Kraftwerksbetreiber Johann und Markus Andexer sowie Michael Ammerer durchwegs positiv gestimmt über das Endergebnis ihrer Ökostromprojekte: „Es hat definitiv lange gedauert, bis wir mit der Realisierung unserer Kraftwerke beginnen konnten. Nachdem aber sämtliche Bewilligungen auf dem Tisch lagen, ging es Schlag auf Schlag. Beim Wasserkraftwerk Klaus hat die Bauphase im Juni 2024 gestartet – die ersten Kilowattstunden konnten ca. ein halbes Jahr später erzeugt werden. Am 8. Jänner 2025 erfolgte die Inbetriebnahme. Auch das Kraftwerk Andexer wurde schnell ans Netz gebracht, dort läuft die Stromproduktion seit Oktober 2025. Somit kann ich guten Gewissen allen Unternehmen, die an der Realisierung beteiligt waren, ein sehr gutes Zeugnis ausstellen“, so Johann Andexer.

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 1/2026