Davoser nutzen Wasserkraft als Synergiefaktor der Beschneiungsinfrastruktur konsequent

18. August 2026, Lesedauer: 12 min

Bild: © C-JoWerner

In Davos setzt man auf die nachhaltige Nutzung der eigenen Beschneiungsinfrastruktur. Nach einer Vorlaufzeit von über zehn Jahren konnte die Bergbahnen Rinerhorn AG in der renommierten Bündner Wintersportgemeinde unlängst ihr neues Beschneiungs-Kraftwerk am Fuße des Rinerhorns in den Probebetrieb nehmen. Auf Basis der bestehenden Beschneiungs- und Trinkwasserinfrastruktur soll Wasser aus dem Rieberbach und dem Leidbach entnommen und damit in zwei Maschinensätzen sauberer Strom produziert werden. Das Konzept, das vom Südtiroler Technik-Allrounder TechnoAlpin federführend gemeinsam mit dem Turbinenspezialisten Tschurtschenthaler Turbinenbau aus Sexten umgesetzt wurde, trägt wesentlich zur weiteren Nachhaltigkeitsentwicklung des weltbekannten Skigebiets im Landwassertal bei.

Bestehende Beschneiungsinfrastruktur wird am Rinerhorn um zwei Kleinwasserkraftwerke zur nachhaltigen Stromerzeugung erweitert

Davos Klosters zählt zweifellos zu den klingendsten Namen im internationalen Wintertourismus – und gilt zugleich als eine der Wiegen des alpinen Skisports. Bereits in den 1880er-Jahren glitt man hier erstmals auf Skiern über die verschneiten Hänge. Spätestens 1913 schrieb die Region endgültig Wintersportgeschichte: Im Parsenn-Gebiet, heute Teil der Davos Klosters Mountains, wurde das erste Abfahrtsrennen ausgetragen – der Beginn des alpinen Abfahrtsrennsports. Die Skiregion zeichnet sich heute durch stark unterschiedliche Charakteristika aus: Während sich am Jakobshorn die europäische Freestyle-Szene tummelt, hat sich das Rinerhorn seinen ganz eigenen Charme bewahrt. Hier geht es familiärer zu: mit gemütlichen Berghütten und viel Platz für genussvolle Schwünge. Besonders beliebt ist das Gebiet für seine 3,5 Kilometer lange Schlittelbahn mit 33 Kehren und rasanten Steilkurven – ein Erlebnis, das bei Nacht auf der beleuchteten Strecke noch imposanter wird als am Tag. Doch auch tagsüber bietet das Rinerhorn alles, was Wintersportler suchen: 49 präparierte Pistenkilometer, eine 6er-Gondel, vier Skilifte und zahlreiche Möglichkeiten für Freerider im Tiefschnee. Vor allem Familien, Einsteiger und Genuss-Skifahrer fühlen sich auf den überwiegend blauen und roten Pisten besonders wohl.

Langjährige Planung ebnet den Weg zum Beschneiungskraftwerk

Um die Freude am Pistensport über eine ganze Wintersaison garantieren zu können, ist auch für das Skigebiet in Davos die Produktion von technischem Schnee unverzichtbar. Seit 1991 betreiben die Bergbahnen Rinerhorn ein kombiniertes Beschneiungs- und Trinkwassersystem, das die Grundlage für eine verlässliche Versorgung des Skigebiets bildet. Die bestehende Beschneiungsinfrastruktur stellt somit auch die grundsätzliche Basis für das neueste nachhaltige Energieprojekt der Bergbahnen dar: das neue Kleinwasserkraftwerk am Rinerhorn.
Die Idee dafür ist über zehn Jahre alt und wurde konkret, als man gesehen hat, wie erfolgreich in wirtschaftlicher, technischer und ökologischer Hinsicht sich die Turbinenanlage entwickelt hatte, die man im Nachbar-Skigebiet Jakobshorn installiert hatte. Schon damals wurde das Projekt vom Südtiroler Wintertechnik-Spezialisten TechnoAlpin AG realisiert, der auch die Initialzündung für das Projekt am Rinerhorn geliefert hatte. „Wir sind 2016 mit der konkreten Idee für ein Kleinkraftwerk an den Kunden herangetreten. Dabei haben wir Möglichkeiten aufgezeigt, weiterführende Ideen gesammelt und das Projekt zur Umsetzungsreife entwickelt“, erklärt TechnoAlpin-Projektleiter Ing. Martin Noggler. Für die hydroelektrische Nutzung des Bachwassers von Rieberbach und Leidbach war bereits ein Großteil der dafür notwendigen Infrastruktur bestehend.

Bauarbeiter montieren einen blauen Rohranschluss an einem Betonbauwerk in einer tiefen Baugrube.
Anschluss der Druckrohrleitungen an das neue Turbinenhaus
© Bergbahnen Rinerhorn AG

Beschneiungsinfrastruktur als Basis der Wasserkraftnutzung

So war etwa 90 % der Rohrtrasse bereits vorhanden, da diese ja als Schneileitung dient. „Wir haben schon 2013, als man diese Leitung gebaut hat, das Turbinenprojekt im Hinterkopf gehabt. Dementsprechend haben wir empfohlen, die Schneileitung eine Dimension größer zu wählen“, so Martin Noggler. Die Druckrohrleitung, die der kleineren Maschine das Triebwasser zuführt, wurde bereits in den 2000er-Jahren gebaut. Sie ist Teil der Beschneiungsinfrastruktur der Schlittelbahn. Vorhanden waren zudem die Fassungen an den beiden Bächen, die allerdings teilweise neugestaltet wurden. Lediglich das Turbinenhaus Glaris neben der Talstation der Bergbahnen Rinerhorn sollte komplett neu errichtet werden.
Das Verfahren für die Konzessions- und Projektgenehmigung des Wasserkraftwerks sollte sich in der Folge als anspruchsvoller und komplexer erweisen als anfänglich angenommen. „Das lag vor allem daran, dass wir bezüglich der Konzession wenig Erfahrung aus anderen Projekten hatten. Zusätzlich galt es, für die Wasserrechtsverleihung eine Volksabstimmung innerhalb der Gemeinde Davos zu gewinnen“, erklärt Reto Gamper, Geschäftsführer der Bergbahnen Rinerhorn, und merkt ergänzend an: „Die Zeit im Bewilligungsverfahren konnte jedoch sehr gut dazu genutzt werden, das Projekt auf der technischen Seite weiter zu optimieren.“ Ende November 2020 war es schließlich soweit: Die Davoser Stimmbevölkerung erteilte der Bergbahnen Rinerhorn AG die Konzession zur Nutzung des Rieberbachs und des Leidbachs zur Produktion von grünem Strom aus Wasserkraft.

Redundantes Anlagenkonzept erhöht die Betriebssicherheit

2023 erhielt TechnoAlpin den Auftrag zur Umsetzung des Projekts. Dabei lagen angefangen von der Konzepterstellung, der elektromechanischen Projektierung, über die Lieferung der elektromechanischen Komponenten, die Verlegung der Rohre und die hydraulische Montage bis zur Inbetriebnahme und die Schnittstellenabklärungen mit Betreibern im Verantwortungsbereich des Südtiroler Unternehmens. Bewilligungsverfahren und Ausführungsplanung wurden in die Hände der erfahrenen Ingenieurbüros Caprez Ingenieure mit Hauptsitz in Chur sowie der ENergia Engineering SA mit Sitz in St. Moritz und Glarus Süd gelegt.
Das Gesamtkonzept der Anlage sieht die Triebwasserentnahme über zwei Fassungen vor. An der Fassung Leidbach erfolgt die Wasserentnahme über ein Tirolerwehr. Das Wasser wird über einen Sandfang in das Fassungsbauwerk und danach über ein PE-Rohr DA315 zur Schieberkammer, die mit einem automatischem Rückspülfilter für eine zusätzliche Filtrierung ausgerüstet ist, geleitet. Die zweite Bachfassung am Rieberbach war bestehend und durfte nicht verändert werden. „Aus diesem Grund haben wir seitlich daneben mit einem Fertigteilschacht ein Entsanderbecken geschaffen. Über eine kleine Pumpe speisen wir in die bestehende PE DA315 ein, um auf dasselbe Druckniveau zu kommen“, erklärt Martin Noggler von TechnoAlpin. Zur großen Maschine wird das Wasser über ein duktiles Gussrohr DN250 PN40 geführt, während das Wasser für die kleine Maschine über das bestehende Rohrsystem der Schlittelweg-Leitung – bestehend aus Gussrohren DN125 PN40 – zum Turbinenhaus gelangt. Wir haben die beiden Leitungen bis ins Turbinenhaus verlängert und dort über einen Bypass zusammengeschlossen, um ein redundantes System zu erhalten und den Schlittelweg auch mit Eigendruck vom Leidbach beschneien zu können.

Modernes Krafthaus aus Sichtbeton im Rohbau mit freiliegender Turbine auf einer Baustelle in den Bergen.
Im August letzten Jahres wurden die Turbinenfundamente fertiggestellt.
© Bergbahnen Rinerhorn AG

Turbinenhaus verbindet Technik und Wissensvermittlung

Besonderes Augenmerk wurde der Ausführung des neuen Turbinenhauses geschenkt. Es übernimmt weit mehr als nur eine technische Funktion: Neben der Unterbringung der beiden Maschinensätze wurde das Gebäude bewusst so konzipiert, dass es auch für Besucher zugänglich ist: „Während der Betriebszeiten der Bahn können Gäste das Wasserkraftwerk betreten und sich vor Ort über dessen Funktionsweise informieren. Interaktive Elemente erklären die Stromproduktion anschaulich, ergänzt durch einen Erlebnisweg am Rinerhorn, der das Thema Wasserkraft für Jung und Alt verständlich vermittelt“, erklärt Martina Mehr, Leiterin Business Development und Nachhaltigkeit bei der Davos Klosters Bergbahnen AG. Und Martin Noggler merkt ergänzend an: „Im Grunde wurde ein Hybrid aus Technik- und Ausstellungsraum realisiert.“ Zwar stand für die Planer zunächst ein pragmatisches Krafthaus mit gut zugänglichen Komponenten für Wartung und Kontrolle im Vordergrund, doch darüber hinaus spielte auch die Visualisierung eine wichtige Rolle: Farblich gestaltete Turbinen und Armaturen, Sichtfenster in den Anlagenbereich sowie ein angebauter Besucherraum – etwa für Schulklassen – sollen die Technik im Inneren sichtbar und erlebbar machen.

Maßgeschneiderte Pelton-Turbinen für höchste Effizienz

Blaue Wasserturbine bei der Turbinenmontage in einem Betonbau mit großen Rohrleitungen und Blick auf Bäume.
Einbau der beiden Pelton-Turbinen aus dem Hause Tschurtschenthaler
© Bergbahnen Rinerhorn AG

Die technische Ausführung im Turbinenhaus präsentiert sich auf beeindruckend hohem Niveau. Mit den beiden Turbinen aus dem Hause Tschurtschenthaler Turbinenbau entschied man sich für Maschinen, die nicht nur in puncto Wirkungsgrad, sondern auch hinsichtlich Materialqualität, Robustheit und Langlebigkeit zur Spitzenklasse gehören. Der Südtiroler Familienbetrieb, seit Jahrzehnten ein verlässlicher Partner der Wasserkraftbranche und langjähriger Turbinenlieferant von TechnoAlpin, setzt auf eine Philosophie der kompromisslosen Qualität: Alle Turbinen werden vollständig in der firmeneigenen Werkstatt in Sexten geplant, konstruiert und auf CNC-Anlagen der neuesten Generation gefertigt. Dadurch entstehen hochpräzise Turbinen, die in Wirkungsgrad und Betriebssicherheit regelmäßig Maßstäbe setzen.
Die beiden am Rinerhorn eingesetzten Pelton-Turbinen wurden maßgenau an die hydraulischen und baulichen Rahmenbedingungen angepasst. „Gerade bei kleineren Turbinengrößen ist es entscheidend, dass die Anlagen punktgenau auf das Wasserdargebot und die Einbausituation abgestimmt sind. Genau hier liegt die besondere Stärke von Tschurtschenthaler, deren Turbinen sich flexibel an bestehende Gebäude und infrastrukturelle Bedingungen anpassen lassen“, erklärt Martin Noggler.
Ein zentraler Vorteil der Tschurtschenthaler Turbinen liegt im durchgängigen Design und Fertigungsprozess im eigenen Haus, der eine außergewöhnlich hohe Passgenauigkeit und Qualitätskontrolle ermöglicht. Die Kombination aus modernster Konstruktion, bewährten Werkstoffen und CNC-Bearbeitungstechnik der jüngsten Generation trägt dazu bei, dass die Wirkungsgrade regelmäßig über dem Branchenstandard liegen. „Unser Anspruch ist klar: Jede Turbine, die unser Werk verlässt, soll die perfekte Verbindung aus Südtiroler Handwerk, hochmoderner Turbinenentwicklung und maximaler Zuverlässigkeit darstellen“, sagt Helga Tschurtschenthaler, Geschäftsführerin des Sextener Branchenspezialisten.
Der Bau des Turbinenhauses wurde im Sommer 2025 realisiert, gefolgt vom Innenausbau im Herbst. Anfang Dezember 2025 konnte die Anlage schließlich erstmalig in Betrieb genommen werden. Aus Rücksicht auf die prioritäre Beschneiung wurde mit dem Turbinieren erst Anfang 2026 begonnen, derzeit befindet sich die Anlage noch in der Testphase.
Für die Nutzung des Rieberbachwassers kommt eine 1-düsige Pelton Turbine zum Einsatz, ausgelegt auf 296 Meter Fallhöhe und eine Ausbauwassermenge von 30 l/s, womit eine Leistung von rund 55 kW erzielt wird. Die zweite, deutlich größere 2-düsige Pelton Turbine, welche das Wasser aus dem Leidbach verarbeitet, wurde auf eine Bruttofallhöhe von 417 Metern sowie 130 l/s Ausbauwassermenge dimensioniert und erreicht eine Ausbauleistung von etwa 355 kW. Die ersten Betriebserfahrungen fallen sehr positiv aus. Ein umfassender Volllastbetrieb über mehrere Wochen wird im Frühjahr – mit zunehmendem Wasserdargebot aus der Schneeschmelze – erwartet.

Industrieanlage Fischpass mit blauen Rohrleitungen, Pumpen und orangefarbenen Steuerschränken in Betonraum.
Das Turbinenzulaufsystem im neuen Maschinenhaus verfügt aus Redundanzgründen auch über einen Bypass. Die beiden installierten Turbinen von der Fa. Tschurtschenthaler nutzen unterschiedliche Gewässer und sind unterschiedlich dimensioniert. Gemeinsam erreichen sie eine Leistung von 410 kW.
© TechnoAlpin
Industrielles Maschinenhaus mit blauen Wasserpumpen, massiven Rohrleitungen und orangefarbenen Schaltschränken in Betonraum.
Die Maschinentechnik im neuen Turbinenhaus soll für Interessierte sichtbar sein: Gäste können mit dem Kraftwerk auf Tuchfühlung gehen.
© TechnoAlpin

Leitsystem steuert Beschneiung und Stromproduktion

Der elektro- und leittechnische Teil der Anlage lag zur Gänze im Auftragsumfang von TechnoAlpin. Das Unternehmen lieferte die Schaltschränke, die Steuerung sowie das Leitsystem, welches eng mit der Beschneiungsinfrastruktur verknüpft ist. Der in den beiden Kleinkraftwerken erzeugte Strom wird an den lokalen Stromversorger übergeben, der ihn in sein Netz einspeist, oder den Bergbahnen zur Verfügung stellt. Dabei gelten übergeordnete Vorgaben, wann und in welchem Umfang überhaupt Strom produziert werden darf – Aspekte, die bereits in der Auslegung der Anlage berücksichtigt wurden. Grundsätzlich ist das Ziel jedoch, das vorhandene Wasser möglichst effizient zu nutzen: entweder für die Beschneiung oder zur Stromproduktion. „Genau darin liegt der große Vorteil der kombinierten Beschneiungs- und Turbinenanlage. Über das Leitsystem kann flexibel zwischen beiden Betriebsarten gewechselt werden: Ist es zu warm zum Beschneien, wird das Wasser für die Turbinierung genutzt. Sinken die Temperaturen wieder, kann unmittelbar auf Beschneiung umgestellt werden. Der erzeugte Strom wird ins Netz eingespeist oder direkt vor Ort genutzt – etwa für Gebäude wie Restaurants sowie Berg- und Talstationen der Bergbahnen Rinerhorn – und trägt damit zu einer spürbaren Reduktion des Energiebezugs und zu einem nachhaltigeren Betrieb bei“, sagt Reto Gamper.

Holzschlitten im Schnee vor beleuchteter Piste zum Nachtschlitteln am Rinerhorn in Davos bei Nacht.
Am Davoser Rinerhorn, wo auch die bekannte Schlittelbahn beheimatet ist, liefert seit diesem Jahr ein neues Beschneiungskraftwerk grünen Strom.
© C-JoWerner

Nachhaltige Synergien für den alpinen Tourismus

Mit dem Beschneiungskraftwerk in Davos zeigt sich, wie technische Innovation und Nachhaltigkeit im alpinen Tourismus zusammenfinden können. Die Ergänzung des bestehenden Beschneiungssystems um zwei Turbinensätze ermöglicht es, ohne große Zusatzkosten einen Teil des eigenen Strombedarfs nachhaltig zu decken. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Beschneiungskraftwerken am Markt steigt – wie TechnoAlpin Projekt-Manger Martin Noggler bestätigt: „Wir sind von Anlagen dieser Art überzeugt. Und sie werden auch immer mehr von Kunden gefordert, um den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Zugleich sind sie hoch wirtschaftlich, da sie sich relativ schnell amortisieren. Man nutzt jede Menge Synergien und leistet einen Beitrag zur Nachhaltigkeit.“
Für die Bergbahnen ist das Projekt ein weiterer Schritt in einer langfristigen Strategie: Seit mehr als 15 Jahren setzt das Unternehmen zahlreiche Maßnahmen zur Effizienzsteigerung, Energieeinsparung und zum Umweltschutz um – von großen Infrastrukturprojekten wie Kleinwasserkraft- und Photovoltaikanlagen bis hin zu vielen kleinen Verbesserungen im täglichen Betrieb. In ihrer Summe tragen diese Initiativen dazu bei, den Wintersport in Davos zunehmend nachhaltiger und auf lange Sicht auch wirtschaftlich tragfähig zu gestalten.

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 2/2026