Berner Kraftwerk Sousbach liefert nach schwieriger Bauphase über 30 GWh Ökostrom

5. Oktober 2026, Lesedauer: 10 min

Bild: © BKW

Nachdem das Kraftwerk Sousbach im Lauterbrunnental bereits im Sommer des Vorjahres erstmals Strom produziert hat, wurde es im Juni 2026 von den Projektpartnern BKW und EWL Genossenschaft Lauterbrunnen offiziell eingeweiht. Bei der Realisierung des neuen Hochdruckkraftwerks im Berner Oberland war vor allem die Herstellung der Triebwasserstrecke mit enormen Schwierigkeiten verbunden. Die zum Teil äußerst komplexen geologischen Bedingungen, unter denen die Vortriebsarbeiten für das knapp 3 Kilometer lange Stollen-Schacht-System durchgeführt wurden, stellten eine große Herausforderung dar. Die Pelton-Turbine in der Kraftwerkszentrale erreicht bei vollem Wasserdargebot 11,7 MW Engpassleistung, darüber hinaus ermöglicht eine spezielle Zusatzdüse einen effektiven Winterbetrieb. Im Regeljahr kann das neue Ökostromkraftwerk sauberen Strom für ca. 6.700 Haushalte produzieren.

Wasserfassung am Sousbach: Mitarbeiter in Warnwesten auf der Betonstruktur des Wasserkraftwerks in alpiner Landschaft.
Rund 5 Jahre nach Baustart ging das neue Kleinwasserkraftwerk Sousbach im Lauterbrunnental im Sommer 2025 erstmals in Betrieb.
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Neues Hochdruckkraftwerk im Lauterbrunnental

Im Lauterbrunnental, das unter anderem für die Lauberhornabfahrt in Wengen und die imposante Landschaft mit Aussicht auf das Bergmassiv von Eiger, Mönch und Jungfrau bekannt ist, wurde vor kurzem ein spannendes Wasserkraftprojekt erfolgreich abgeschlossen. Mit der Realisierung des Kraftwerks Sousbach wurde eines der letzten erschließbaren Wasserkraftpotentiale im Kanton Bern für die saubere Stromproduktion nutzbar gemacht. Bis der Baustart vor gut sechs Jahren erfolgen konnte, sollte dem Projekt eine rund zwölf Jahre dauernde Planungs- und Projektierungsphase vorangehen. Umgesetzt wurde das Projekt schließlich vom Berner Energiekonzern BKW und der EWL Genossenschaft Lauterbrunnen. Als rechtlicher Rahmen wurde die Kraftwerk Sousbach AG gegründet, an der die BKW 90 Prozent der Anteile hält, die restlichen Anteile stehen im Besitz der EWL Genossenschaft Lauterbrunnen. Nachdem das Projekt im November 2019 vom Kanton Bern die wasserrechtliche Konzession erhalten hatte, wurde im Juli 2020 das Baugesuch und eine Projektänderung bewilligt, bereits einen Monat darauf konnte die Umsetzungsphase in Angriff genommen werden. Den Bewilligungen vorausgegangen war ein zweistufiges Verfahren zur Umweltverträglichkeitsprüfung. Mit diesem Verfahren hatte die Kraftwerk Sousbach AG ein bewilligungsfähiges Wasserkraftprojekt erarbeitet, das alle umweltrechtlichen Anforderungen erfüllt.

Baustelle des Krafthauses KW Sousbach mit Armierungseisen, Betonschalungen und blauer Turbine im Rohbau.
Turbinenspirale mit Verteilrohrleitung während der Bauphase
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Schwarzes Stahlrohr im Sousbach Stollen des WKW, verlegt in einem betonierten Tunnel mit Belüftungssystem und Punktbeleuchtung.
Im unteren Stollen musste die Druckrohrleitung wegen der hohen Druckstufe aus geschweißten Stahlrohren hergestellt werden.
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Über 900 Meter Fallhöhe für die Stromerzeugung

Ein Punkt, der beim neuen Kleinwasserkraftwerk im Lauterbrunnental besonders hervorsticht, ist die imposante Fallhöhe, die der Anlage ein hohes Leistungspotential verschafft. Zwischen der Wasserfassung in „Sousläger“ und der Kraftwerkszentrale im Ortsteil „Sandweidli“ liegen weit über 900 m Höhenunterschied, die durch einen komplett unterirdischen Triebwasserweg miteinander verbunden sind. BKW-Projektleiter Patrick Manz betont im Gespräch mit zek HYDRO, dass die herausfordernden Bedingungen bei der Herstellung des Stollen-Schacht-Systems für einen dauerhaft erhöhten Puls bei den beteiligten Unternehmen sorgen sollten. „Wegen der schwierigen geologischen Bedingungen, die trotz umfangreicher Voruntersuchungen nicht in dem Ausmaß prognostiziert worden waren, ging der Vortrieb deutlich langsamer als geplant vor sich. Es waren eine Unmenge an zusätzlichen Bau- und Sicherungsmaßnahmen notwendig, die sich letztendlich auch in den Projektkosten niedergeschlagen haben.“ Die Triebwasserstrecke besteht aus einem oberen Stollen mit 1.570 m Länge und einem unteren Stollen mit 1.030 m Länge, die beide mit ca. 20 Grad Steigung nach oben führen. Verbunden sind die beiden Schrägstollen durch einen ca. 380 m tiefen Senkrechtschacht, der sich in der Mitte der Triebwasserstrecke befindet. Während die Schrägstollen mit der Methode des bergmännischen Sprengvortriebs erstellt wurden, kam beim Senkrechtschacht das „Raise-Boring“-Verfahren zur Anwendung. Wie der Name schon sagt, wird bei diesem Verfahren entlang einer zuvor erstellten Pilotbohrung ein kreisrunder Schacht von unten nach oben erbohrt.

Wasserfassung mit unterirdischem Kavernenentsander

Auch am Standort der Wasserfassung, die sich optisch gut abgeschirmt direkt hinter einem Felsriegel befindet, waren aufwändige Sicherungsmaßnahmen notwendig. Der Standort bietet Patrick Manz zufolge in punkto Naturgefahren ideale Bedingungen: Es gibt dort keine Steinschläge, zudem besteht nur eine sehr geringe Lawinengefährdung. Zum Aufstauen des Sousbach wurde eine feste Wehrschwelle errichtet, die Triebwasserentnahme erfolgt durch eine rechtsufrige Ausleitung. An das Einlaufbauwerk schließt ein Entkieser an, der den groben Schotter aus dem Gebirgsbach vom Eintritt in den Triebwasserweg abhält. Für den Schutz vor Geschwemmsel und Treibgut sorgt ein nachgeschalteter horizontaler Schutzrechen. Danach fließt das Triebwasser in den großzügig dimensionierten Entsander, der in einer rund 70 m langen unterirdischen Kaverne untergebracht ist. Der Entsander ist mit einem Sandabzugsystem, das von der Hochschule Rapperswil entwickelt wurde, ausgestattet. Nach dem Entsanderbecken befindet sich die Apparatekammer mit der Drosselklappe, gleich danach beginnt die Druckrohrleitung. Für die Ausführung des gesamten Stahlwasserbauequipments an der Wasserfassung sorgte die Südtiroler Wild Metal GmbH, die bereits eine ganze Reihe von BKW-Kraftwerken mit ihren bewährten Lösungen ausgestattet hat. Zum Lieferumfang der Branchenspezialisten zählte unter anderem der Horizontalrechen und die Rechenreinigungsmaschine mit ölhydraulischem Antrieb samt Hy­draulikaggregat. Der Entsander und der Entkieser wurden von den Südtirolern mit den Abzugsrohren und Spülschiebern ausgestattet. Komplettiert wurde der Lieferumfang von Wild ­Metal durch die Drosselklappe inklusive Anschlussverrohrung und das Hydraulikaggregat, das für die Regelung der Absperr- und Regulierorgane an der Wasserfassung sorgt.

Vertikale Rohrschweißmaschine an einem Stahlrohr in einer Tunnelbaustelle mit gelben Sicherheitsgeländern.
Vortriebsschweißmaschine in der Schachtkopfkaverne bei der Rohrverlegung im Vertikalschacht
© BKW

Schwierige Geologie fordert den Stollenbau

Damit der senkrechte Lotschacht zwischen den Schrägstollen erstellt werden konnte, musste im Gebiet Hacketewald ein bergmännischer Zwischenangriff erfolgen. Dabei wurde ein Zwischenstollen und eine anschließende Schachtkopfkaverne erstellt, in dem das Bohrgerät für das Raise-Boring-Verfahren installiert wurde. „Der Zwischenstollen hätte ursprünglich nur 20 m lang werden sollen. Letztendlich musste man aber 200 m in den Berg hineinarbeiten, bis geeignete Bedingungen für die Errichtung der Kaverne gegeben waren. Diese geologischen Störzonen, die aus Sackungsmassen und zerklüftetem Felsabschnitten bestanden, sorgten vor allem bei der Erstellung des Lotschachts für enorme Herausforderungen“, so Patrick Manz. Bei der Pilotbohrung des Raise-Boring-Verfahrens floss das für die Steuerung des Bohrkopfs und den Transport des Bohrguts erforderliche Kühlwasser in die zerklüfteten Felsen ab. In der Folge musste das Gestänge ausgebaut, der Bohrbereich mit Zement verfüllt und neu überbohrt werden. Durch dieses ungeplante Prozedere wurde das Bohrgestänge überdurchschnittlich beansprucht. Diese Umstände waren dem Baufortschritt natürlich nicht zuträglich. Im Anschluss an die Pilotbohrung wurde im unteren Stollen auf einen größeren Bohrkopf gewechselt, und der eigentliche Schacht mit 2 Meter Durchmesser von unten nach oben gebohrt. Nachdem der Schacht erstellt war, wurde dieser zur finalen Stabilisierung mit zusätzlichen Armierungen und Spritzbeton ausgekleidet, erst danach konnte die vertikale Druckrohrleitung erstellt werden.

Druckrohrleitung aus Guss- und Stahlrohren

Während die Druckrohrleitung im oberen Schrägstollen mit duktilen Gussrohren in der Dimension DN900 und DN800 hergestellt wurde, kamen im Lotschacht und dem unteren Schrägschacht wegen der höheren Druckstufen geschweißte Stahlrohre zum Einsatz. Geliefert wurden die duktilen Gussrohre, deren Muffenverbindungen ein schnelles Vorankommen bei der Rohrverlegung ermöglichten, von der Schweizer Wild Armaturen AG. Der Branchenexperte, der 2026 sein 50. Jubiläum begeht, leistete bereits während der Projektierungsphase tatkräftige Unterstützung. Die hochwertigen Rohre wurden im Stollen auf zwei Auflagerungen montiert – einem Fixpunktlager und einem Gleitlager. Weil das Fixpunktlager alle eventuell vorhandenen Schubkräfte aufnimmt, konnte die Gussleitung ohne separate Schubsicherung erstellt werden. Für die fachgerechte Ausführung der Stahlleitungen sorgte der italienische Branchenspezialist IDROWELD, der im Wasserkraftsektor einen hervorragenden Ruf genießt. In organisatorischer Hinsicht war IDROWELD beim Lotschacht als Sub-Auftragnehmer für die Gasser Felstechnik AG beschäftigt, beim unteren Schrägschacht waren die Italiener als Hauptauftragnehmer für die Lieferung und Verlegung der Rohre zuständig. Für den Einbau der Druckrohre DN1000 im Senkrechtschacht wurde eine spezielle Vortriebsschweißmaschine in der Schachtkopfkaverne installiert. Die jeweils 6 m langen Rohrschüsse wurden mittels Hallenkran eingehoben, über der Schweißmaschine positioniert und manuell zusammengeschweißt. Nach der Qualitätskontrolle der Schweißnähte erfolgte das Auftragen des Korrosionsschutzes auf der Rohrinnenseite und das Hinabsenken mit einer Winde in den Schacht. Insgesamt wurden Schritt für Schritt 64 Rohre verschweißt, die miteinander rund 200 Tonnen Gewicht auf die Windenkonstruktion bringen sollten. Das enorme Gewicht der Fallleitung wird von zwei betonierten Fixpunkten am oberen und unteren Ende des Lotschachts abgefangen, zusätzlich wurde der Ringspalt zwischen der Stahlpanzerung und der Schachtsicherung über eine abschließende Fallleitung mit Beton verfüllt. Im unteren Schrägstollen verringert sich die Rohrdimension wieder auf DN700, dort wurden die Stahlrohre von IDROWELD auf Rohrsätteln montiert. Nach dem Stollenportal geht die Druckrohrleitung ins Erdreich über und verläuft auf direktem Weg Richtung Maschinengebäude.

Roter Generator und blaue Maschinenausrüstung im Wasserkraftwerk Sousbach in einer modernen Industriehalle aus Sichtbeton.
Die leistungsstarke Pelton-Turbine sorgt für eine ganzjährig effiziente Stromproduktion.
© BKW

Pelton-Turbine für flexiblen Winterbetrieb

Die Kraftwerkszentrale in Sandweidli wurde rechtsufrig des Sousbach direkt oberhalb der Kantonsstraße errichtet. Auch dort herrschten instabile geologische Verhältnisse, weswegen eine Vielzahl von Gründungspfählen für die Fundamentierung des Gebäudes erforderlich war. Das Herzstück des Kraftwerks bildet eine vertikalachsige Pelton-Turbine, die bei vollem Wasserdargebot 11,7 MW Engpassleistung erreicht. Patrick Manz erläutert die besondere Ausführung der Turbine: „Es handelt sich um eine ‚4 plus 1‘-Maschine. Das heißt, es gibt vier reguläre Düsen und eine kleinere Zusatzdüse, die mit nur 70 l/s betrieben werden kann. Der Hintergrund dieser Ausführung ist das Speichervolumen der Anlage, das eine effektive Betriebsweise während der wasserarmen Wintermonate ermöglicht. Mit der Entsanderkaverne und dem Vorbecken im Außenbereich der Wasserfassung können wir rund 800 m³ Wasser speichern. Aufgrund der Sunk- und Schwallthematik dürfen wir im Winter aber nur maximal 70 l/s verwenden. Durch die Sonderkonstruktion der Turbine mit der kleineren Zusatzdüse wird es möglich, die eigentlich für eine weitaus größere Leistung ausgelegte Maschine mit 400 kW im sogenannten intermittierenden Winterbetrieb zu fahren.“ Vervollständigt wird der Maschinensatz durch einen direkt mit dem Laufrad gekoppelten Synchron-Generator, der bei der Montage mit einem Mobilkran durch einen Dachausschnitt eingehoben wurde. Die Kühlung des 15,2 MVA-Generators erfolgt durch einen im Unterwasserbereich platzierten Wärmetauscher, der vom abgearbeiteten Triebwasser der Turbine umspült wird.

30,6 GWh Ökostrom für 6.700 Haushalte

Rund fünf Jahre nach Baubeginn ging das Kraftwerk Sousbach im Sommer 2025 erstmals in Betrieb, die offizielle Inbetriebnahme durch die Projektpartner BKW und EWL Genossenschaft Lauterbrunnen fand schließlich im Juni 2026 statt. Patrick Manz, der das Projekt über 18 Jahre lang betreut hat, zieht ein durchwegs positives Resümee über die neue Ökostromanlage im Berner Oberland. „Die Projektumsetzung und Planung war in vielerlei Hinsicht sehr aufwändig und durchaus vergleichbar mit einem Großwasserkraftprojekt. Die Geologie führte zu weit überhöhten Baukosten – prognostiziert waren rund 50 Millionen Franken, geworden sind es schließlich 70 Millionen. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir ein gutes Werk geschaffen haben, das über Generationen hinweg saubere Energie liefern wird.“ Im Regeljahr kann das Kraftwerk Sousbach ca. 30,6 GWh Strom erzeugen, womit umgerechnet der Jahresbedarf von ca. 6.700 Durchschnittshaushalten abgedeckt wird. Als ökologische Ausgleichsmaßnahme sorgen die Projektpartner noch für die Aufwertung der Weißen Lütschine im Lauterbrunnental, dort werden auf einer Länge von knapp 300 m durch verschiedene gewässerökologische Maßnahmen Laichareale für Bachforellen geschaffen.

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 4/2026