Riesneralm setzt auf Wasserkraft als Basis für nachhaltigen Wintertourismus

19. Februar 2026, Lesedauer: 9 min

Bild: © Riesneralm

Fünf Jahre ist es bereits her, seit die Riesneralm im steirischen Donnersbachwald ihr zweites Kleinwasserkraftwerk in Betrieb genommen hat. Doch das Beschneiungs-E-Werk – und das zugrunde liegende Konzept – sorgen immer noch für mediales Aufsehen. Nachdem die Wintertouristiker dafür im Frühling bereits den „Green Mountain Award“ des internationalen Skiareatest in Kitzbühel entgegennehmen durften, freuten sich die Verantwortlichen, dass sie diesen Herbst ihr Projekt erstmalig in einem internationalen Rahmen – und zwar an der weltgrößten Wasserkraftveranstaltung Hydro 2025 im griechischen Thessaloniki – präsentieren konnten. Die Resonanz macht die findigen Steirer stolz. Schließlich ist es ihnen gelungen, ihr Konzept eines entschleunigten Wintersportbetriebs, das einen Gegenentwurf zum „Over-Tourism“ anderer Skigebiete darstellt, erfolgreich in die Tat umzusetzen. Die wirtschaftliche Basis dafür liefern zwei leistungsstarke Kleinkraftwerke.

Kraftwerk Riesneralm Beschneiungs-Wasserkraftwerk
Beschneiungs-E-Werk und Pumpwerk unter einem Dach.
© Riesneralm

Nachhaltiges Skigebiet Riesneralm: Wasserkraft als Basis für Energie und Beschneiung

Kraftwerk Riesneralm
Riesneralm-GF Erwin Petz mit dem „Green Mountain Award 2025“
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Das Skigebiet Riesneralm im obersteirischen Donnersbachwald gilt schon seit längerem als echter Wintersport-Geheimtipp. Wer sich auf den Weg in den Talschluss des Donnersbachtals macht, folgt nicht dem Ruf der großen Mega-Ski-Arenen mit ihrem dröhnenden Après-Ski-Halligalli. Im Gegenteil, zur Riesneralm kommen Familien, Ski-Puristen und all jene, die es noch gemütlich, überschaubar und heimelig haben – und die dabei dennoch viel zum Skifahren kommen wollen. „Mit unseren 32 Pistenkilometern können wir mit den großen Skischaukeln in Sachen Ausdehnung zwar nicht mithalten. Dafür punkten wir mit einem anderen, ganz wesentlichen Vorteil. Wir geben den Leuten individuellen Raum für ihren Sport: Bei uns sind im Winter maximal 3.000 Leute gleichzeitig unterwegs, wodurch auf den Pisten für jeden Einzelnen mehr Platz zur Verfügung steht als bei den großen Mitbewerbern. Unser Motto lautet daher: ‚Mehr Skifahren – weniger Liftfahren‘“, erklärt Geschäftsführer Erwin Petz im Interview mit zek HYDRO. Er verweist darauf, dass die Riesneralm aufgrund der Abgelegenheit des Tals auch hohe Qualität bieten müsse, damit die Leute kommen. „Klein und billig“ – das wäre zu wenig. Daher sei ein Erfolgsrezept der Steirer eine hohe Innovations- und Investitionsbereitschaft. Schließlich gilt die Riesneralm als wichtigster Arbeitgeber des Tals. Erwin Petz spricht von der „Lebensader“ der Region: „Der Tourismus ist für uns essentiell. Im Dorf Donnersbachwald treffen heute schon 120.000 Nächtigungen pro Jahr auf rund 300 Einwohner. Dabei gilt es eine Gratwanderung zu bewältigen: Nämlich, dass wir einerseits Qualitätstourismus bieten und andererseits den Charakter unseres Dorfs beibehalten wollen, das auch für künftige Generationen lebenswert bleiben soll. Für uns steht fest: Wenn sich der Einheimische wohlfühlt, dann kann sich auch der Gast wohlfühlen.“

Kraftwerk Riesneralm Hydro
Das Team der Riesneralm bei der Präsentation auf der Hydro 2025 in Thessaloniki: Erwin Petz, Alexandra Fuchs und Martin Hochfellner
© Riesneralm

Nachhaltiges Beschneiungsprojekt der Riesneralm sorgt international für Aufmerksamkeit

Was die Riesneralm tatsächlich von den allermeisten anderen Skigebieten in den Alpen unterscheidet, ist ein Nachhaltigkeitskonzept, das konsequent gelebt und jedes Jahr weiter umgesetzt wird. Das beginnt bei strategischen Investitionen in die umgebende Hotellerie, die Gastronomie, Skilifte bis hin zur Umsetzung eines richtungsweisenden Beschneiungsprojekts auf Basis von Wasserkraftnutzung. Tatsächlich ist den Steirern mit ihrem Beschneiungs-E-Werk ein international anerkanntes Leuchtturmprojekt gelungen, das im Herbst sogar bei der Veranstaltung Hydro 2025 in Griechenland für Aufsehen sorgte. „Die Präsentation in Griechenland war für uns eine herausragende Geschichte. Und auch die Verleihung des ‚Green Mountain Awards‘ in Kitzbühel im Frühjahr war eine schöne Bestätigung für die Richtigkeit unseres Weges“, freut sich Erwin Petz. Er verweist darauf, dass das System es nun ermöglicht, Energie für die Beschneiungsanlagen umweltfreundlich zu erzeugen und zu verwerten, wodurch der Betrieb nicht nur effizienter, sondern auch ökologisch verträglicher gestaltet werde.

Kraftwerk Riesneralm
Von der Pumpstation gelangt das turbinierte Wasser wieder auf die Piste.
© Riesneralm

Dreifache Nutzung des Donnersbachs für Strom und Beschneiung

Ausgangspunkt und Initialzündung für das Projekt waren Überlegungen für einen vierten Speicherteich für die künstliche Beschneiung. Petz: „Es stand der Plan im Raum, am Berg einen weiteren Beschneiungsteich mit 80.000 m3 Fassungsvermögen zu bauen. Das hätte damals, vor rund zehn Jahren, etwa 3 Millionen Euro gekostet und wäre auch ein massiver Eingriff in die Natur gewesen. Diese Kosten hätte man ja refinanzieren müssen. In unserem Fall natürlich über eine Erhöhung der Liftkartenpreise. Aber das wollten wir nicht. Und vor diesem Hintergrund haben wir uns als Alternative die Möglichkeiten mit einem weiteren Kraftwerk am Donnersbach überlegt – und damit ging es los.“ Man investierte in der Folge rund 5 Millionen Euro in ein Kraftwerk und den Ausbau der Beschneiungsinfrastruktur, um das Projekt auf Schiene zu bringen. „Nach 3-jähriger, zäher Verhandlungsphase konnten wir 2019 in die Umsetzung gehen. Der Clou des Anlagenkonzepts: Wir nutzen das Wasser des Donnersbachs gleich drei Mal. Zuerst turbinieren wir das Wasser im Oberlieger-Kraftwerk Hinterwald, das eine Leistung von 780 kW hat. Danach übernehmen wir das Wasser direkt – also ohne eigenes Fassungsbauwerk, nur über ein Beruhigungsbecken – für das neue Beschneiungs-Kraftwerk, das eine Leistung von 502 kW hat. Und in einem dritten Schritt können wir über eine Pumpstation, die im gleichen Gebäude wie der Maschinensatz des Kraftwerks untergebracht ist, das Wasser zu den Schneilanzen auf den Pisten pumpen“, erläutert Petz das Prinzip der dreifachen Nutzung. Speziell die Tatsache, dass man auf diese Weise das zur Stromerzeugung genutzte Wasser in einem Zug in Maschinenschnee umwandeln kann, macht das Projekt so einzigartig.

Kraftwerk Riesneralm
Bewährter Maschinensatz mit einer Engpassleistung von 502 kW.
© zek

Hochwasserschaden erfordert außerplanmäßige Turbineninstandsetzung

Was die technische Ausrüstung des Kraftwerks anbelangt, so hatten die Betreiber von Anfang an sehr konkrete Vorstellungen, wie Erwin Petz ausführt: „Wir haben im Oberlieger-Kraftwerk schon sehr gute Erfahrungen mit der Diagonal-Turbine der Firma Geppert gemacht. Vor allem deshalb, weil wir damit auch bei geringem Wasserdargebot immer noch effektiv Strom erzeugen können. Gerade im Jänner ist es manchmal so, dass wir über sehr wenig Wasser verfügen und mitunter die Maschine ganz abstellen müssen.“ Ausgelegt ist die Turbine auf eine Ausbauwassermenge von 2 m3/s und eine Netto-Fallhöhe von 30,5 m. Mitte Mai 2020 wurde der Maschinensatz offiziell ans Netz genommen und überzeugte in der Folge die Betreiber im täglichen Betrieb. Dennoch kam es zu einem außerplanmäßigen Stillstand im Jahr 2023, als ein massives Hochwasser zu einem veritablen Schaden an der Turbine führte. „Das Hochwasser war an diesem Tag derart extrem, dass Schwemmholz in das Beruhigungsbecken eindringen konnte – und Teile davon über die Druckrohrleitung bis zum Turbinenlaufrad gelangten. Die Folge davon war, dass es zu mechanischen Schäden an den Turbinenschaufeln gekommen ist und damit eine Reparatur unumgänglich wurde“, erzählt der Geschäftsführer, der in diesem Zusammenhang lobend die Kooperation mit den Tiroler Turbinenbauern hervorhebt, die das Laufrad in vergleichsweise kurzer Zeit – etwa zwei Monaten – wieder in Schuss gebracht hatten.

Kraftwerk Riesneralm
Bei der steuerungs- und leittechnischen Ausrüstung des Kraftwerks war das Team von MBK gefordert, über Standardlösungen hinauszugehen.
© zek

Steirische Steuerungstechnik für hybrides Kraftwerks- und Beschneiungssystem

Viel Lob findet Erwin Petz auch für die Zusammenarbeit mit jener Firma, die für die Umsetzung der kompletten elektro- und leittechnischen Ausrüstung der Anlage verantwortlich zeichnete: die MBK Energietechnik GmbH aus dem steirischen Ilz. „Unsere Anlage ist im Grunde ja ein Hybrid, die sowohl klassische Kraftwerkstechnik als auch Pump- und Beschneiungstechnik in sich vereint. Und da brauchten wir einen Partner, der diese Eigenschaften optimal steuerungstechnisch abbilden – und vor allem auch in unser übergeordnetes Leitsystem einbinden kann. Zudem wurde die neue Station in das bestehende 30kV-Netz der Riesneralm integriert. Das alles wurde vom Team von MBK mustergültig umgesetzt“, sagt Petz. Wegen der besonderen Konstellation der Anlage – einerseits ist diese direkt an das Unterwasser des Oberliegers angeschlossen, und andererseits ist dem Betrieb der Pumpstation höhere Priorität einzuräumen – waren steuerungstechnisch einige Sonderlösungen gefragt, bei denen die steirischen Branchenspezialisten durchaus gefordert waren. Das bestätigt auch MBK-Geschäftsführer Christian Mund: „Gerade solche Sonderlösungen machen Anlagen für uns interessant, wenn Anforderungen die gängigen Standards übertreffen. Und – wenn einer Anlage ein überzeugendes Grundkonzept zugrunde liegt, wie im Fall der Riesneralm.“ Für die Betreiber hat sich die innersteirische Partnerschaft auch über die Projektabwicklung hinaus bewährt, wie Erwin Petz nicht unerwähnt lässt: „Für uns ist es sehr wichtig, dass wir einen kompetenten Partner an der Seite haben, der uns prompt und professionell unterstützt, wenn bei uns Fragen oder Probleme auftauchen.“

Kraftwerk Riesneralm (17)
Mit ihrem Beschneiungs-Kraftwerk ist der Riesneralm eine Pionierleistung gelungen. Skifahrer schätzen das nachhaltige Konzept des Betriebs.
© Riesneralm

Stromvermarktung ergänzt Lift- und Tourismusbetrieb wirtschaftlich

Heute produzieren die beiden Kraftwerke im Regeljahr rund 6,2 Millionen kWh. Für den Betrieb von Beschneiung, Hotel, Lift und Skihütten verbraucht die Riesneralm je nach Winter zwischen 2,4 und 2,8 Millionen kWh. Der Rest wird am freien Strommarkt verkauft. Auf diese Weise ist der Stromhandel neben dem Lift und dem Gastro- bzw. Hotelleriebetrieb zum dritten wirtschaftlichen Standbein des Unternehmens geworden. „Dabei war es für uns anfänglich nicht einfach, einen guten Preis für unseren Strom zu erzielen“, erzählt Erwin Petz. „Aufgrund unseres stark wechselnden Eigenbedarfs bekamen wir nicht dieselbe Vergütung wie Anbieter, die 100 Prozent ihrer Produktion zusagen können. Das spielt allerdings mittlerweile keine große Rolle mehr, weil wir heute unseren Strom im Rahmen einer Energiegemeinschaft vermarkten.“
Mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung der Region, auf Ökologie und Wirtschaftlichkeit ist es der Riesneralm gelungen, ein wegweisendes Konzept umzusetzen, das europaweit auf große Resonanz und Zustimmung stößt. Die Ressourcen schonende Energiegewinnung bei gleichzeitiger Beschneiung gilt mittlerweile als Pionierleistung im alpinen Raum.

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 6/2025