Schlitters macht mit neuem KraftwerkSchritt in die Energieunabhängigkeit

27. März 2025, Lesedauer: 10 min

Knapp 15 Jahre dauerte es, bis man in der Zillertaler Gemeinde Schlitters Nägel mit Köpfen machen und die Pläne für ein modernes Kleinwasserkraftwerk in die Tat umsetzen konnte. Unmittelbar vor dem Jahreswechsel 2023/24 war es gelungen, das neue Kraftwerk Öxlbach in Betrieb zu nehmen. Mittlerweile können die Tiroler Betreiber auf ein volles Betriebsjahr zurückblicken, in dem die Ökostromanlage die Erwartungen vollumfänglich erfüllt hat. Sie produziert im Durchschnittsjahr rund 5 bis 5,5 GWh sauberen Strom und bringt die Gemeinde im vorderen Zillertal damit in die günstige Lage, zumindest rechnerisch energieautark zu sein. Ein echtes Generationenprojekt – darüber sind sich die Zillertaler einig.

Kraftwerk Öxlbach
Für die Bauarbeiten im steilsten Abschnitt oberhalb des Krafthauses leistete der Heli wertvolle Dienste.
© R.Hirschhuber

Wie heißt es doch bei Wilhelm Busch so trefflich: „Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.“ Davon kann man auch in der Zillertaler Gemeinde Schlitters ein Lied singen. Knapp 15 Jahre hatte es für die Umsetzung eines gemeindeeigenen Wasserkraftwerks gebraucht, wie Bürgermeister Josef Wibmer bestätigt: „Wir haben 2008 mit den Wassermessungen am Öxlbach begonnen. Nach einigem Hin und Her lag 2016 schließlich die behördliche Genehmigung für das Projekt vor. Bauen konnten wir trotzdem noch nicht. Es hatten sich Unklarheiten mit einem Grundeigentümer ergeben, die es zuerst zu bereinigen galt.“ Er verweist darauf, dass sich die Gemeinde unter der Führung seines Vorgängers ursprünglich gar nicht aktiv am Projekt beteiligen wollte. Dies sollte sich erst ändern, als man eine Kooperationsbasis mit dem Zillertaler Unternehmer und erfahrenen Wasserkraftbetreiber Ing. Rudi Hirschhuber gefunden hatte. „Das war für uns der Knackpunkt. Da Rudi das Wasserkraft-Know-how mitbrachte, das uns bislang gefehlt hat“, erklärt Josef Wibmer. Für die spätere Umsetzung des Projekts wurde die Wasserkraft Öxlbach GmbH gegründet, an der die Gemeinde 50 Prozent der Anteile hält, die anderen 50 Prozent entfallen auf Rudi Hirschhuber und auf Hansjörg Hirschhuber. Ende 2022 hatte man mit einem leicht geänderten Konzept die letzten bestehenden Hürden beseitigt – und für den Bau des Kraftwerks lagen nun sämtliche Bescheide vor. Grünes Licht sozusagen von allen Seiten.

Schutz von Wasserfall hat Priorität
Auch wenn schon seit vielen Jahren kein Strom mehr aus der Kraft des Öxlbachs gewonnen wurde: Ganz neu ist dessen hydroelektrische Nutzung nicht. Ganz im Gegenteil, wie Bürgermeister Wibmer bekräftigt: „Am Öxlbach gab es – knapp unterhalb des Standorts für das neue Krafthaus – schon vor gut 100 Jahren ein kleines Wasserkraftwerk. Es hat zu Beginn die Bauern in der Umgebung mit Strom versorgt. Später lieferte es noch Strom für ein hiesiges Sägewerk. Als im Laufe der Zeit umfangreiche Sanierungen unumgänglich wurden, beschloss der Betreiber die Stillsetzung der Anlage. Heute zeugen von ihrer Existenz nur noch die Überreste der alten Wasserfassung.“ Mitte der 1970er Jahren, speziell nach dem zweiten großen Hochwasser im Sommer 1974, war man entschlossen, die Gefährlichkeit des Öxlbachs einzudämmen. In der Folge wurde der Wildbach mit mehreren massiven Schutzmauern verbaut, um die Gemeinde vor Hochwasser und Muren zu schützen. Im Hinblick auf die Rohrverlegung für die neue Druckrohrleitung sollten diese in weiterer Folge noch eine Rolle spielen.
Deutlich mehr Einfluss auf das Kraftwerkskonzept sollte allerdings ein Naturdenkmal in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks nehmen: der Schlitterer Wasserfall. Diesen wollte man unbedingt bewahren, auch wenn dies einige Meter an möglicher Nutzfallhöhe kostete. „Der Schlitterer Wasserfall ist ein hohes Gut, natürlich auch in touristischer Hinsicht. Uns war es deshalb wichtig, dass unsere Kinder und Kindeskinder in Zukunft den Wasserfall noch so erleben, wie wir ihn erlebt haben. Daher war es für uns auch keine Frage, dass wir das Krafthaus oberhalb davon errichten und ihm das turbinierte Wasser somit im Freispiegel wieder zuführen“, so Bürgermeister Wibmer. Für die Planung der aufgrund der geänderten Rahmenbedingungen erforderlichen Modifikationen und für die Optimierung der bewilligten Anlage, sowie die Abwicklung des gegenständlichen Behördenverfahrens, die Ausschreibung, die Ausführungsplanung und die Bauüberwachung holte man sich mit Ing. Mag Klaus Zwirner vom Ingenieurbüro AlpinConsulting einen erfahrenen Planer an Bord. Neben dem engen Zeitkorsett für die Umplanungen sowie letztlich auch der gesamten Umsetzung lagen für den Planer die zentralen Herausforderungen vor allem in den Gegebenheiten im Baufeld: „Sowohl die extrem steile Leitungstrasse, als auch der Standort des Krafthauses sowie die Rückführung des Unterwassers waren speziell und verlangten nach Sonderlösungen“, so Zwirner. Im Hintergrund der baulichen Abwicklung des Kraftwerksprojekts waren vor allem die vereinten Kräfte von Hansjörg und Rudi Hirschhuber am Werk, die dabei Umsichtigkeit, organisatorisches Talent und einschlägige Erfahrung bewiesen.

Hohe Lebensdauer als Kriterium
Im März 2023 war es soweit: Die Bauarbeiten konnten beginnen. Wie dies häufig bei Hochdruckanlagen in den Alpen der Fall ist, lagen die größten Herausforderungen in der unterirdischen Verlegung der Druckrohrleitung durch steiles, zum Teil unwegsames Gelände. Mit den Verlegearbeiten betrauten die Projektverantwortlichen mit der Firma GeoAlpin eine Baufirma aus Tirol. Und die sollte in den nächsten Wochen ausreichend Gelegenheit bekommen, ihre Qualitäten unter Beweis zu stellen. Konkret wurde auf einer Länge von knapp 3 Kilometern eine Rohrleitung aus den bewährten Gussrohren des Tiroler Qualitätsherstellers Tiroler Rohre – TRM gebaut. Zum Einsatz kamen dabei Rohrschüsse der Dimension DN500 bzw. DN400. Dass man auf die Qualität der Gussrohre von TRM vertraute, lag für die Bauherrn auf der Hand: „Wir waren von Anfang an der Meinung, dass das Kraftwerk mit Komponenten ausgerüstet wird, die eine hohe Standfestigkeit und eine lange Lebensdauer sicherstellen. Und daher haben wir uns auch für die TRM-Gussrohre entschieden“, erklärt Rudi Hirschhuber.

Maximale Widerstandsfähigkeit
Die Stabilität der Gussrohre von TRM ist längst sprichwörtlich. Das liegt vorrangig daran, dass sie äußeren und inneren Belastungen effektiv widerstehen können. Gerade die bewährte längskraftschlüssige VRS-T-Verbindung, wie sie im Fall der neuen Druckrohrleitung für das KW Öxlbach eingesetzt wurde, gewährleistet ein schub- und zuggesichertes Rohrsystem. Dieses stellt einerseits eine hohe Scheiteldruckfestigkeit sicher und andererseits auch eine extreme Flexibilität. Damit kann die Druckrohrleitung sogar Hangrutschungen oder Muren schadlos überstehen. Betonierte Fixpunkte sind damit überflüssig.
Für die mit dem Rohrleitungsbau beauftragte Baufirma spielte die gute Verlegbarkeit der Gussohre eine wesentliche Rolle. Gearbeitet wird im schwierigen alpinen Gelände nach der „Auf-Zu-Methode“: Das bedeutet, dass ein Rohrgraben ausgehoben, das Rohr eingebaut und anschließend die Künette wieder zugeschüttet wird. Das klingt nicht spektakulär, bringt aber entscheidende Vorteile gegenüber anderen Methoden. Denn auf diese Weise kann bei fast jedem Wetter verlegt werden, was sich speziell in Bergregionen aufgrund der Zeitersparnis bezahlt macht. Erschwert wurden die Verlegearbeiten in Schlitters speziell durch die zahlreichen Wildbachsperren. „Entscheidend dabei war, dass wir die dicken Mauern für die Rohrdurchführung durchbohren konnten, ohne dass die bauliche Substanz der Sperren beeinträchtigt wurde“, erklärt Hansjörg Hirschhuber. Über den Projektverlauf bewies die Verlegemannschaft ihr Know-how und ihre Erfahrung eindrucksvoll und stellte sicher, dass die Arbeiten im vorgegebenen Zeitrahmen gehalten werden konnten.

Synergien im Rohrleitungsbau
Für die Almbetreiber am Schlitterberg wurden die Arbeiten dennoch zu einer kleinen Belastungsprobe. Schließlich musste der Almweg, in dem die Leitung zum Teil verlegt wurde, im Frühling 2023 für zwei Wochen gesperrt werden. Ein Wermutstropfen, den die Almbetreiber aber gerne in Kauf nahmen. Schließlich erhielten sie dank der Bauarbeiten am neuen Kraftwerk nun erstmalig eine Abwasserleitung sowie ein Glasfaserkabel für die Internetanbindung. „Uns war wichtig, dass wir auch die sich bietenden Synergiemöglichkeiten in der Projektumsetzung nutzen und den Infrastrukturbau ermöglichen konnten, der ohne dieses Bauprojekt nicht so einfach umzusetzen gewesen wäre“, erklärt Bürgermeister Josef Wibmer und verweist auf einen weiteren wichtigen Synergieeffekt: „Im unteren Teil der neuen Druckrohrleitung haben wir auch eine Löschwasserversorgung integriert. Das bedeutet gerade für die Höfe in der Umgebung eine Erhöhung der Sicherheit im Brandfall. So effektiv hätten wir das Wasser sonst nicht in diesen Ortsbereich bringen können.“

Innovative Lösungen für die Fassung
Für die Entnahme des Triebwassers aus dem Öxlbach errichtete die Baufirma von Frühling bis Sommer 2023 auf ca. 1.238 m Seehöhe das neue Fassungsbauwerk, das die Handschrift des Südtiroler Branchenspezialisten Wild Metal aus Ratschings trägt. Konkret lieferte Wild Metal den Coanda-Rechen vom Typ Grizzly PROTEC Vibro Bars, der aus drei baugleichen Modulen besteht – und der von seinem Konstruktionsprinzip her ideal an die Bedingungen an einem alpinen, stark geschiebeführenden Wildbach angepasst ist. Die strömungsoptimierten, feuerverzinkten Schutzrechenelemente halten das Geschiebe vom Feinsieb fern und bewahren dieses somit vor Beschädigungen. Der Edelstahl, auf den Wild Metal bei der Fertigung seiner Grizzly-Serie setzt, gewährleistet höchste Abriebbeständigkeit. Das Sieb ist zum größten Teil selbstreinigend, die unerwünschten Partikel werden mit dem Fließgewässer weitertransportiert. Der Sandeintrag in die Wasserfassung ist durch die geringe Spaltweite von 0,6 mm auf ein Minimum reduziert. An den drei Grizzly-Modulen können in Summe bis zu 300 l/s eingezogen werden. Orographisch rechts installierte das Team von Wild Metal eine 1,15 m breite Spül- und Dotationsklappe mit integriertem Wintereinlauf. Generell wurde das System so konzipiert, dass die Fassung auch im Winter bei Eis und Schnee funktioniert – und somit ein ganzjähriger Kraftwerksbetrieb gesichert bleibt. „Nachdem wir die Anlage nun bereits im zweiten Winter beobachten, können wir nur unterstreichen, dass die ersten Betriebserfahrungen damit sehr gut sind“, erzählt Rudi Hirschhuber und findet lobende Worte für die Südtiroler Stahlwasserbauer: „Das Team von Wild Metal hat sehr genau und zuverlässig gearbeitet. Zudem kamen von den Südtirolern immer wieder praktische Verbesserungsvorschläge.“ Für das Entsanderbauwerk lieferte Wild Metal auch die Entsanderabzugsrohre DN300, die effektiv dafür sorgen, dass der Sandeintrag ausgespült wird, ohne dass der Kraftwerksbetrieb dafür sistiert werden muss.

Kraftwerk Öxlbach
Es brauchte viel Geduld und Ausdauer, aber letztlich konnte das Kraftwerk Öxlbach mit vereinten Kräften erfolgreich realisiert werden. Im Bild: Ing. Rudi Hirschhuber, Hansjörg Hirschhuber und Bürgermeister Josef Wibmer. (v.li.)
© zek

Schienenverkehr ins Krafthaus
Rund 500 m unterhalb der Wasserfassung, auf etwa 722 m Seehöhe, oberhalb des bekannten Schlitterer Wasserfalls, wurde das neue Krafthaus errichtet. Um das Gebäude optimal in die Landschaft zu integrieren, ohne dabei eine eigene Zufahrt errichten zu müssen, entwickelten die Projektbetreiber gemeinsam mit ihrem Planer, Ing. Mag. Klaus Zwirner aus Hall, eine spezielle Lösung, die sich in weiterer Folge als goldrichtig herausstellen sollte. Josef Wibmer: „Ein Besuch bei einem Kraftwerk in Südtirol hat uns auf die Idee gebracht: Wir müssen keine eigene Zufahrt errichten, wenn wir eine Schienenbahn errichten, über die wir die schweren Maschinen und Komponenten mithilfe einer Seilwinde hochziehen können. Es ist eher ungewöhnlich, hat im Grunde aber nur Vorteile.“
Den Bau der rund 29 m langen, circa 39 Grad geneigten Schienenbahn wurde vom Ost- tiroler Turbinenspezialisten Unterlercher realisiert, der bei diesem Projekt auch seine Qualitäten im klassischen Stahlbau unter Beweis stellen konnte. Auch den Hallenkran lieferte und montierte der Osttiroler Branchenprofi.

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 1/2025