Trinkwasserkraftwerk schafft Synergieeffekte für Tiroler Gemeinde

13. April 2026, Lesedauer: 10 min

Bild: © Walch & Plangger

Mit dem neuen Projekt Trinkwasserkraftwerk Starkenbach schlägt die Gemeinde Schönwies gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Versorgungssicherheit, nachhaltige Energiegewinnung und zusätzlicher Schutz vor Naturgefahren. Ausgelöst durch einen Totalausfall der Wasserversorgung im Jahr 2022 verfolgten die Verantwortlichen der Oberländer Gemeinde die Idee, den enormen Wasserdruck der Alfutz-Quellen nicht länger ungenutzt zu drosseln, sondern diesen in Strom umzuwandeln. Nun liefert ein moderner Maschinensatz jährlich rund 350.000 Kilowattstunden saubere Energie – genug, um die öffentlichen Gebäude und die Straßenbeleuchtung der Gemeinde zu versorgen. Mitte Juni 2025 wurde das Vorzeigeprojekt gemeinsam mit den Gemeindebürgern und -bürgerinnen feierlich eröffnet.

Trinkwasserkraftwerk Starkenbach
Der alte Hochbehälter vor der Sanierung. Dieser verfügte in seiner ursprünglichen Ausführung über nur eine Wasserkammer.
© Walch & Plangger

Trinkwasserkraftwerk Starkenbach stärkt Versorgungssicherheit in Schönwies

Im Frühjahr 2022 wurde die Gemeinde Schönwies im Tiroler Oberinntal jäh mit der Verletzlichkeit ihrer Wasserversorgung konfrontiert: Ein Materialermüdungsbruch am Druckreduzierventil im Hochbehälter Starkenbach führte zu einem Totalausfall der Trinkwasserversorgung im Ortsgebiet, 1.700 Einwohnerinnen und Einwohner waren betroffen. „Als wir unser Trinkwassersystem kurze Zeit später wieder in Betrieb genommen hatten, zeigte sich das nächste Ungemach: Wir hatten nun mit Lufteinschlüssen und Abplatzungen in den Leitungen zu kämpfen. Das Trinkwasser trübte sich ein, und durch mehrere Druckschläge kam es zu Rohrbrüchen“, schildert Bürgermeister DI Reinhard Raggl die Probleme mit dem Trinkwassernetz vor gut drei Jahren. Dabei zeigte sich auch eindrücklich, welche Kräfte im Trinkwasser stecken, das mit bis zu 42 bar aus den hoch gelegenen Alfutz-Quellen in den Behälter strömt. Diesen Druck weiterhin ungenutzt über Ventile zu vernichten, wurde auch nicht mehr länger als zukunftsfähig und nachhaltig betrachtet. Vielmehr griff man nun die Idee auf, diesen Druck zur Stromerzeugung zu nutzen. Noch im selben Jahr beauftragte die Gemeinde das Ingenieurbüro Walch & Plangger aus Landeck mit einer Wirtschaftlichkeitsstudie, die das Potenzial bestätigen und letztlich in ein tragfähiges Konzept münden sollte. Der Grundstein für das Trinkwasserkraftwerk Starkenbach war gelegt.

Technische Rahmenbedingungen für Trinkwasserkraft in Schönwies

„Die Idee für das Trinkwasserkraftwerk gibt es schon ein wenig länger. Bereits 2012 hatten wir ausgehend vom Regionalmanagement für den Bezirk Landeck, kurz Regio L, eine entsprechende Studie erstellt – unter anderem eben auch für die Nutzung der Alfutz-Quellen. Leider war damals der politische Wille dafür nicht vorhanden“, erinnert sich der zuständige Planungsingenieur Ing. Alexander Plangger. Die Voraussetzungen seien zu dieser Zeit schon günstig gewesen, schließlich sei die Druckrohrleitung schon damals für Drücke bis zu 42 bar und darüber ausgelegt gewesen, was eine wichtige Grundvoraussetzung für die hydroelektrische Nutzung der Trinkwasserleitung darstellt.
Den einzigen Minuspunkt in den Rahmenbedingungen für das geplante Trinkwasserkraftwerk stellte die Dimension der Druckrohrleitung dar. Planer Alexander Plangger erklärt den Hintergrund: „Grundsätzlich wird die Hauptschüttung der Alfutz-Quellen überwiegend von der Nachbargemeinde Zams genutzt, während die Gemeinde Schönwies über einen Konsens den kleineren Anteil von bis zu 18 l/s entnehmen darf. Im oberen Drittel wurde die Leitung zwar großzügig in Dimension DN300 ausgeführt, da dort auch ein Abzweig für Zams vorgesehen ist. Ab diesem Schnittpunkt in Richtung Schönwies jedoch wurde lediglich eine DN 100-Leitung eingebaut.“ Diese vergleichsweise geringe Dimension führt bei der maximal zulässigen Entnahmemenge zu nicht unerheblichen Druckverlusten. Um die Energiegewinnung optimal zu gestalten, waren daher genaue Druckverlustmessungen erforderlich, um die Maschine dafür optimal auslegen zu können.

Sanierung und Reaktivierung des Hochbehälters Starkenbach

Als der erfahrene Planungsingenieur zum ersten Mal die Rahmenbedingungen genauer unter die Lupe nahm, musste er zu seinem Erstaunen feststellen, dass der Hochbehälter Starkenbach nur über eine Wasserkammer verfügte. „Dieser Umstand ist im Grunde ungünstig im Hinblick auf Reinigungs-­ und Wartungsarbeiten, die zwangsläufig zu Unterbrechungen der Wasserversorgung führen“, so der Planer. Um diese Unterbrechungen zu vermeiden und damit die Versorgungssicherheit zu erhöhen, entstand die Idee, einen seit Mitte der 1980er-Jahre stillgelegten Hochbehälter in direkter Nachbarschaft zum bestehenden zu sanieren und als zusätzlichen Wasserspeicher zu nutzen. „Trotz ihres Alters erwies sich die Bausubstanz als solide, was eine mögliche Wiederinbetriebnahme nahelegte. In der Folge wurde der alte Hochbehälter saniert, neu ausgekleidet, abgedichtet, neu verrohrt und konnte dann als zweite Wasserkammer in das Versorgungssystem eingebunden werden.“
„Wir haben dabei zudem die Gelegenheit genutzt, auch den neueren Hochbehälter inklusive Schieberkammer zu sanieren. Im Zuge der gesamten Arbeiten wurden Leitungen erneuert, Abdichtungen und Isolierungen verbessert sowie die gesamte Verrohrung modernisiert. Damit ist unser System auf Jahrzehnte hinaus technisch abgesichert und bietet ein stabiles Fundament für die künftige Wasserversorgung“, erklärt Bürgermeister DI Reinhard Raggl. Er verweist darauf, dass nun nicht nur Wartungen und Reinigungen ohne Versorgungsunterbrechung durchgeführt werden können, sondern dass generell die Versorgungssicherheit mit Trink-, aber auch mit Löschwasser, erheblich gesteigert wurde.

Lawinenschutz und Trinkwasserversorgung gemeinsam gedacht

Ein weiterer, wichtiger Synergieeffekt sollte sich in der Folge durch die Abstimmung des geplanten Projekts mit dem Gefahrenzonenplan einstellen, wie Alexander Plangger betont: „Dabei wurde deutlich, dass sich der geplante Standort des Trinkwasserkraftwerks – ebenso wie jener der bestehenden Wasserbehälter – in einer Lawinen-Gefahrenzone befindet, die nach der Aktualisierung des Plans teilweise sogar als rote Zone ausgewiesen wurde. Damit war klar, dass zusätzliche Schutzmaßnahmen unumgänglich sind.“ In enger Zusammenarbeit mit der Wildbach- und Lawinenverbauung konnte eine nachhaltige Lösung entwickelt werden: Der bereits vorhandene Lawinenschutzdamm für die Siedlung Starkenbach wurde um rund 50 bis 60 Meter verlängert. „Damit sind nicht nur die Bauwerke der Wasserversorgung, sondern auch das darunterliegende Siedlungsgebiet künftig vor Lawinengefahren abgesichert. Das Projekt vereint auf diese Weise Ziele der Versorgungssicherheit mit einem wirksamen Beitrag zum Katastrophenschutz und steigert damit den Mehrwert für die gesamte Gemeinde“, freut sich Bürgermeister Raggl.

Trinkwasserkraftwerk Starkenbach
Die beiden sanierten Hochbehälter links und das Gebäude für das Trinkwasserkraftwerk Starkenbach rechts – alles am neuesten Stand der Technik.
© Walch & Plangger

Inbetriebnahme der Trinkwasserturbine im Dezember 2024

Der Zeitplan des Projekts zeigt, dass die Umsetzung selbst in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum realisiert werden konnte: Nach Erhalt der Bescheide im März 2024 erfolgten die Vergaben im April und Mai, der Baubeginn im Juli, und bereits im November wurde der Maschinensatz geliefert und bis zum 6. Dezember erfolgreich in Betrieb genommen. Damit konnte die Bauphase in rund einem halben Jahr abgeschlossen werden. Demgegenüber standen jedoch mehr als zweieinhalb Jahre für Planung, behördliche Bewilligungen und Genehmigungen für die Adaptierung des bestehenden Behälters. „Man sieht auch in diesem konkreten Fall: Vorbereitungs- und Genehmigungsphase beanspruchten weit mehr Zeit als die bauliche Umsetzung“, kommentiert Ingenieur Alexander Plangger.
Was die Wahl des Maschinensatzes betrifft, setzten die Verantwortlichen voll und ganz auf die Kompetenz des bekannten Südtiroler Wasserkraftspezialisten Sora, der seit Jahren einen ausgezeichneten Ruf in der Wasserkraftbranche genießt. „Wir kannten die Firmen Sora und en-co schon aus anderen Projekten. Das erleichterte die Vergabe für uns eindeutig“, sagt Alexander Plangger. Konkret wurde eine voll trinkwassertaugliche Peltonturbine, speziell ausgelegt für die Konsenswassermenge von 18 l/s und eine Fallhöhe von 428 m, konstruiert, geliefert und zeitgerecht in Betrieb genommen. Was die in der Regel etwas kleineren Peltonturbinen für Trinkwasserkraftanlagen von größeren Wasserkraftturbinen unterscheidet, ist im Wesentlichen die materialtechnische Ausführung. Schließlich müssen hier alle wasserführenden Bestandteile in Edelstahl ausgeführt werden. Um die Trinkwasserversorgung auch dann aufrecht erhalten zu können, wenn die Turbine einmal ausfallen sollte oder gewartet werden müsste, ist ein eigener Bypass installiert, über den das Trinkwasser direkt in den Hochbehälter umgeleitet werden kann. Die moderne Turbine aus dem Hause Sora arbeitet nicht nur zuverlässig, sondern auch effizient: Ihre Nennleistung liegt bei 41 kW.

Lastabhängiger Betrieb des Trinkwasserkraftwerks

Eine zentrale Herausforderung für das Projekt stellte die Steuerung und Adaptierung der Leittechnik dar, da neben dem Betrieb des Trinkwasserkraftwerks auch die Versorgungssicherheit der gesamten Trinkwasserinfrastruktur gewährleistet werden musste. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen – insbesondere der wasserrechtlichen Vorgabe, dass die Gemeinde Schönwies nur so viel Wasser entnehmen darf, wie tatsächlich für die Versorgung benötigt wird – musste die Steuerung entsprechend konzipiert werden. Demnach bildet sie jene Direktive ab, wonach die Ableitung vom Pegelstand im Hochbehälter abhängt. „Der Betrieb des Trinkwasserkraftwerks ist somit direkt an den aktuellen Trinkwasserverbrauch in Schönwies gekoppelt. Das überschüssige Wasser wird automatisch dem Unterlieger-Kraftwerk der Stadtwerke Imst zugeführt. Diese spezielle Anforderung erforderte eine maßgeschneiderte Lösung, die von der Firma en-co aus Ratschings mustergültig umgesetzt wurde“, erklärt Alexander Plangger. Hinzu kam eine neue steuerungstechnische Lösung, die nun eine exakte Abstimmung zwischen den beiden Trinkwasserparteien, also den Gemeinden Zams und Schönwies, ermöglicht – und das in Echtzeit.

Moderne Fernwirktechnik für Trinkwasser und Energieerzeugung

Ein weiterer wesentlicher Schritt war die Einbindung und Modernisierung der bestehenden Fernwirktechnik, wobei die Techniker von en-co einmal mehr ihr Know-how unter Beweis stellen konnten. Die vorhandene Anlage für die Trinkwasserversorgung wurde erweitert und dahingehend angepasst, dass nun sowohl das Kraftwerk als auch die gesamte Wasserinfrastruktur integriert steuerbar sind. Damit können heute sämtliche relevanten Daten – von Wasserständen in den Hochbehältern über Durchflussmengen bis hin zu Leistungswerten des Kraftwerks – in Echtzeit abgerufen werden, und dies neuerdings über eine leistungsfähige Glasfaseranbindung. „Diese Technik bietet dem Wassermeister und unseren Gemeinden erhebliche Vorteile: Störungen und Betriebszustände sind sofort erkennbar. Außerdem ist über eine Datenschnittstelle mit Zams die gegenseitige Versorgungslage jederzeit einsehbar, was selbstredend der Transparenz dient“, erklärt Bürgermeister Reinhard Raggl. Somit wurde nicht nur die Betriebssicherheit verbessert, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gemeinden gestärkt – ein markanter Benefit im Sinne einer modernen, resilienten Wasserwirtschaft.

Trinkwasserkraftwerk Starkenbach
Können gemeinsam auf ein erfolgreich umgesetztes Projekt zurückblicken: Wassermeister Wolfgang Schranz, Planer Ing. Alexander Plangger und Bürgermeister DI (FH) Reinhard Raggl. (vli.)
© zek

Regionale Stromerzeugung aus Trinkwasser

Mit einem Gesamtvolumen von rund 950.000 Euro, rund 40 Prozent über Fördermittel gedeckt, hat die Gemeinde Schönwies in den vergangenen Monaten ein Projekt umgesetzt, das weit über die Sicherung der Trinkwasserversorgung hinausgeht. Durch die mustergültige Sanierung der bestehenden Infrastruktur und die Nutzung der Energie der Alfutz-Quellen hat es Vorzeigecharakter erreicht. Der erzeugte Strom – rund 350.000 kWh pro Jahr – deckt dabei den Eigenbedarf der Gemeindegebäude und der Straßenbeleuchtung. Im Hinblick auf eine bestmögliche wirtschaftliche Nutzung des lokal erzeugten Stroms wurde mittlerweile von Gemeinde, Agrargemeinschaft und Pfarre eine Energiegemeinschaft gegründet. Am 15. Juni feierte die Gemeinde die Einweihung ihres erfolgreich fertiggestellten Infrastrukturprojekts.
Dieses Projekt zeigt, wie sich Versorgungssicherheit, Umweltschutz und regionale Wertschöpfung sinnvoll miteinander verbinden lassen. Mit dem Schutzbauwerk gegen Lawinen, dem sanierten Hochbehälter, dem neuen Wanderweg und dem wiedererrichteten Spielplatz wurden zusätzliche Synergien geschaffen, die über Generationen hinweg spürbar sein werden. Gelebte Nachhaltigkeit geht in Schönwies auch mit der Bewusstseinsbildung für die Bedeutung des Wassers und den verantwortungsvollen Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen einher. Mit dem erfolgreichen Projekt ist ein zukunftsweisendes Fundament gelegt, auf dem die Gemeinde langfristig aufbauen kann.

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 6/2025