VERBUND und Salzburg AG nehmen neues Gemeinschaftskraftwerk an der Salzach in Betrieb

13. Februar 2026, Lesedauer: 11 min

Bild: © VERBUND

Zweieinhalb Jahre nach dem Baustart wurde Ende September 2025 das neue Gemeinschaftskraftwerk Stegenwald von ­VERBUND und Salzburg AG feierlich eingeweiht. Die Ökostromanlage, die den jährlichen Strombedarf von rund 20.000 Haushalten zu 100 Prozent nachhaltig abdeckt, zeichnet sich durch ein innovatives Funktionskonzept aus. Durch eine spezielle Anordnung der Kaplan-Maschinen in einer überströmbar ausgeführten Maschinenhalle können die beiden Turbinenfelder auch für die Hochwasserabfuhr genutzt werden. Mit dieser beispielhaften Konzeption ist ein effizientes Flusskraftwerk entstanden, das mit geringerem Bau- und Kostenaufwand als vergleichbare Wasserkraftprojekte gebaut wurde, und auch in ökologischer Hinsicht als absolutes Vorbild gelten darf.

Kraftwerk Stegenwald Baustelle Panorama 1 Neu
Unterwasseransicht auf die Kraftwerksbaustelle vom Juli 2024.
© zek

Kraftwerk Stegenwald offiziell in Betrieb: VERBUND und Salzburg AG setzen Meilenstein an der Salzach

Ergiebige Regenfälle in den Tagen zuvor und schließlich ein ausgedehntes Sonnenfenster am 26. September – bessere Bedingungen konnten sich die Projektpartner VERBUND und Salzburg AG für die offizielle Inbetriebnahme ihres neuen Kraftwerks Stegenwald nicht wünschen. Bei prächtigem Wetter hatten sich zahlreiche Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft eingefunden. Darunter waren unter anderen der Bundesminister für Wirtschaft, Energie und Tourismus Wolfgang Hattmannsdorfer, die Salzburger Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und Altlandeshauptmann und Aufsichtsratsvorsitzender der Salzburg AG, Wilfried Haslauer. VERBUND CEO Michael Strugl bezeichnete den Bau des Kraftwerks Stegenwald als Erfolgsgeschichte, die trotz mehrerer Hürden termingerecht und im Kostenplan abgeschlossen wurde. Kritisch betrachtet wurde von Strugl die lange Genehmigungsphase des Projekts, die in Summe fünfmal so lange gedauert hat wie der Bau an sich.

Erste Projektideen für das Kraftwerk Stegenwald reichen bis in die 1970er-Jahre zurück

Einen Eindruck vom beträchtlichen Bauaufwand, der für die Errichtung des siebten Gemeinschaftskraftwerks von VERBUND­ und Salzburg AG betrieben wurde, hat sich zek HYDRO im Sommer 2024 verschafft. Bei einem Baustellenrundgang mit VERBUND-Projektleiter Hannes Badura erörterte dieser die Entstehungsgeschichte der Anlage: „Bereits in den 1970er Jahren wurden erste Pläne für den Bau eines Ausleitungskraftwerks am Standort erstellt. Richtig konkret wurden die Planungen rund 40 Jahre später, als 2009 die Wasserrechtsverhandlungen für den Bau eines Laufwasserkraftwerks begonnen hatten. Aufgrund von Beschwerden der Salzburger Umweltanwaltschaft gegen das Projekt sollte es mehrere Jahre dauern, bis die Baubewilligung ausgestellt wurde. Nachdem schließlich auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gegeben waren, konnte Anfang 2023 mit der Umsetzungsphase des Projekts gestartet werden.“ Eine zentrale Herausforderung des Projekts lag laut Hannes Badura in der knapp bemessenen Bauzeit. Dabei mussten die Erd- und Betonarbeiten über das ca. sechs Kilometer lange Baufeld zur Rücksichtnahme auf die Ökologie und die Niedrigwasserperioden exakt eingetaktet werden.

Kraftwerk Stegenwald Gruppenfoto Stegenwald
COO VERBUND Achim Kaspar, CEO VERBUND Michael Strugl, Bundesminister Wolfgang Hattmannsdorfer, Landeshauptfrau Karoline Edtstadler, CEO Salzburg AG Michael Baminger und VD Salzburg AG Herwig Struber (v.l.)
© VERBUND

Kompaktes Kraftwerksdesign ermöglicht effiziente Bauweise und Hochwasserschutz

Wesentlichen Einfluss auf die finale Gestaltung des Kraftwerks hatten die 2018 erstmals verlautbarten Planungen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), deren Gleise neben dem Kraftwerk vorbeiführen: „Der Streckenabschnitt am Pass Lueg bildet für die ÖBB seit jeher ein Nadelöhr, an dem Naturgefahren wie Lawinen, Steinschläge oder Hochwässer auftreten können. Um diese riskante Stelle zu entschärfen, planen die ÖBB für die Zukunft eine Linienoptimierung, wozu allerdings mehr Platz benötigt wird. Aus diesem Grund wurde für das neue Wasserkraftwerk ein alternatives Design gewählt, das eine kompaktere Ausführung des Bauwerks und somit mehr Platz für die zukünftige Schienenführung bietet“, erklärt der Projektleiter. Üblicherweise werden Laufwasserkraftwerke an der Salzach mit drei Wehrfeldern und zwei Turbinen ausgeführt. Auch die ursprünglichen Planungen für das Kraftwerk Stegenwald basierten auf diesem Konzept. Im Rahmen der 2019 gestarteten Umplanungen entstand schließlich ein innovatives Design, bei dem die Maschinenhalle überströmt ausgeführt wurde. Damit konnten in weiterer Folge auch die Turbineneinläufe durch den Einbau von entsprechenden Wehrklappen für die Hochwasserabfuhr genutzt werden. Diese Variante, mit der nur mehr zwei Wehrfelder benötigt wurden, verminderte den Bauaufwand erheblich. So konnte die Baugrubenfläche um etwa die Hälfte reduziert werden, die Baugrubentiefe verringerte sich um rund 6 m und die Kraftwerksbreite um ca. 15 m. Zudem gewährleistet das optimierte Design auch eine gesteigerte Hochwasserabfuhrfähigkeit, die mit dem ursprünglichen Anlagenkonzept nicht möglich gewesen wäre. Der zentrale Punkt, der die kompaktere Ausführung realisierbar machte, war die spezielle Einbauposition der Turbinen – verkürzt ausgedrückt handelt es sich dabei um vertikal angeströmte Kaplan-Maschinen, die in horizontaler Position eingebaut sind. Die Entwicklung und die finale Ausarbeitung des umfassend adaptierten Anlagenkonzepts erfolgte durch ein Konsortium erfahrener Fachleute und Branchenspezialisten sowie auf universitärer Ebene. Mit der Ausarbeitung der Einreich- und Ausführungsplanungen wurden die interdisziplinär aktiven BHM INGENIEURE beauftragt. Der Auftrag summierte sich laut BHM-Geschäftsführer Gerhard Schönhart auf die Erstellung von 660 detaillierten Ausführungsplänen, die 490 Pläne für das Hauptbauwerk, 80 Pläne für die Hauptzufahrt und den Flussbau sowie 90 Pläne für die Geschiebesperren, den Hochwasserschutz und andere Maßnahmen beinhalteten.

Kraftwerk Stegenwald Titelbild 200 x 150 mm
Vogelperspektive auf das Salzachkraftwerk Stegenwald von VERBUND und Salzburg AG. Das neue Gemeinschaftskraftwerk, das den jährlichen Strombedarf von 20.000 Haushalten abdecken kann, zeichnet sich durch ein innovatives Funktionskonzept aus.
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Hoch- und Tiefbauarbeiten durch erfahrene Bauprofis umgesetzt

Mit der Ausführung der gesamten Hoch- und Tiefbauarbeiten wurde die Ing. Hans Bodner Bau Ges. m.b.H. & Co. KG beauftragt, die einen hervorragenden Ruf als kompetenter Partner bei anspruchsvollen Bauprojekten genießt. Anfang April 2023 konnten die Profis der Bodner-Niederlassung Salzburg-Wals mit der Erschließung des Baufelds beginnen. Laut Gerhard Schönhart war vor allem die Ausführung der Baugrubenumschließung, bestehend aus Bohrpfählen und Spundwänden, sowie die Herstellung der dichten Sohle mittels DSV-Verfahren eine besondere Herausforderung. Trotz schwieriger Baugrundverhältnisse und aufwändiger Wasserhaltungsmaßnahmen konnten im September 2023 die Betonierarbeiten für das Krafthaus und die Wehranlage beginnen. Rund 1,5 Jahre später waren im Frühjahr 2025 die wesentlichen Bauarbeiten wie geplant abgeschlossen – rechtzeitig vor dem Aufstau und die Nassinbetriebsetzung. Dem Baustellenteam spricht der Bodner-Bauleiter Wolfgang Poschacher ein großes Kompliment aus – dieses habe über sämtliche Bauphasen hinweg ein hohes Maß an Flexibilität, Innovationsgeist und technisches Können gezeigt.

Kraftwerk Stegenwald
Das Stahlwasserbauequipment für die Wehrfelder (rechts im Bild) und die überströmte Maschinenhalle (links daneben) lieferte die Salzburger GMT Wintersteller GmbH.
© GMT

Regionaler Stahlwasserbau von Salzburger Spezialisten geliefert

Der gesamte Stahlwasserbau für die Wehranlage und das überströmte Krafthaus stammt vom Salzburger Branchenspezialist GMT Wintersteller GmbH, der in weniger als 10 Kilometer Entfernung vom Kraftwerk Stegenwald ansässig ist. GMT-Produktionsleiter Christian Reiter freute sich bei der Eröffnungsfeier darüber, dass im Rahmen der Projektumsetzung firmeninterne Bestmarken übertroffen wurden. Die beiden hydraulisch angetriebenen Segmentschützen mit aufgesetzten Klappen für die Wehrfelder bringen ein Gewicht von jeweils ca. 32 Tonnen auf die Waage, mit jeweils ca. 30 Tonnen sind die zwei Turbinenzulaufklappen nur geringfügig leichter. Mit 11 m lichter Weite und 8,7 m Stauhöhe zählen die Komponenten zu den größten Bauteilen, die GMT bis dato gefertigt hat. Die beiden horizontal über den Turbineneinläufen angeordneten Einlaufrechen mit 100 mm Stablichtweite sind jeweils 11 m breit, 9,7 m lang und wiegen inklusive der Fischbauchträger pro Stück ca. 20 Tonnen. Die übergroßen Bauteile wurden aufgrund der begrenzten Platzverhältnisse bei der Zufahrt zur Baustelle, die durch eine Eisenbahnunterführung limitiert ist, in jeweils zwei Teilen gefertigt und nach der Anlieferung vor Ort zusammengebaut. Komplettiert wurde das GMT-Lieferprogramm durch acht Dammbalkenführungen aus Edelstahl mit Einzellängen bis zu 17 m sowie verschiedene Stahlbauteile wie druckdichte Zustiege ins Unterwasser, Gitterrostbühnen oder Dammbalken.

Kraftwerk Stegenwald Einheben Laufrad 200 x 150 mm
Beim Einheben des Antriebsstrangs der Kaplan-Maschinen im Spätherbst 2024 war viel Fingerspitzengefühl gefragt.
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Erfolgreiche Nasstests der Kaplan-Turbinen bestätigen innovative Technik

Die oberösterreichische Global Hydro Energy GmbH lieferte mit den beiden Maschinensätzen die elektrohydraulischen Herzstücke des Kraftwerks. Bei den speziellen Turbinen handelt es sich um eine Kombination aus vertikaler Kaplan-Spiralturbine und horizontaler Split-Turbine (Pit-Maschine). Das Triebwasser wird dadurch nicht von vorne, sondern von oben durch eine Einlauframpe und eine speziell geformte Einlaufspirale zur Turbine geleitet. Eine weitere Besonderheit ist die Anordnung von Getriebe und Generator, die sich nicht über, sondern horizontal vor der Turbine befinden. Ausgelegt wurden die Maschinen auf jeweils 101,5 m³ Ausbauwassermenge und 8,1 m Nettofallhöhe, wodurch diese bei vollem Wasserdargebot je 7,15 MW Engpassleistung erzielen. Die millimetergenau gefertigten Saugrohrschalungen der Turbinen stammen vom niederbayerischen Spezialisten Mitterfelner Schalungsbau. Die beiden Sonderanfertigungen wurden mit elliptischen Rundungen gefertigt, wobei für eine gesamte Schalfläche von rund 620 m² rund 90 m³ Schnittholz verarbeitet wurden. Zwölf Lkw-Transporte waren notwendig, um die aus 48 Einzelteilen bestehenden Konstruktionen auf die Baustelle zu bringen. Der Einbau der weit vormontiert ausgelieferten Turbinenkomponenten ging bei zwei detailliert geplanten Montageeinsätzen Mitte bzw. Ende des Jahres 2024 erfolgreich über die Bühne, wenige Monate darauf starteten im März 2024 bereits die Nasstests der Maschinen. Bei der Ausführung des elektro- und regelungstechnischen Equipments setzten VERBUND und Salzburg AG auf renommierte Unternehmen aus dem Energie- und Automatisierungssektor. Konkret waren die ELIN GmbH und die Siemens Energy Austria GmbH für die Elektrotechnik bzw. die Kraftwerksleittechnik zuständig.

Kraftwerk Stegenwald Maschinensatz 1
Die Global Hydro Energy GmbH aus Oberösterreich stellte Ihre Kompetenz bei der Fertigung der speziellen Kaplan-Turbinen unter Beweis.
© zek
Kraftwerk Stegenwald Einlaufschalungen, Kw Stegenwald
Die Schalungen für die gedrehten Einlaufspiralkammern lieferten die niederbayerischen Spezialisten der Mitterfelner Schalungsbau GmbH.
© Mitterfelner

Innovatives Salzachkraftwerk verbindet Energieerzeugung und Ökologie

Selbstverständlich hatten bei einem Wasserkraftprojekt dieser Größenordnung auch die ökologischen Belange hohe Priorität. In Summe waren es rund 500 Maßnahmen, die neue Lebensräume für Fische, Frösche, Libellen, Vögel und Pflanzen geschaffen haben. Die fischökologische Durchgängigkeit ins Oberwasser wurde durch eine Kombination aus einem technisch ausgeführten Beckenpass und einem naturnah angelegten Verbindungsgewässer mit ca. 500 m Länge und bis zu 60 m Breite hergestellt. Zudem wurde im Oberwasserbereich eine Fischabstiegseinrichtung geschaffen, mit der die Fische ins Verbindungsgewässer gelangen können. Bei der Einmündung des Fischabstiegs in das Verbindungsgewässer befindet sich ein Regulierbauwerk, das von der oberösterreichischen Danner Wasserkraft GmbH mit ihren zuverlässigen Stahlwasserbaulösungen ausgestattet wurde. Der Lieferumfang beinhaltete einen dreiseitig dichtenden Pegelregulierschieber, einen horizontalen Schutzrechen mit 20 mm Stablichtweite inklusive Rechenreinigungsmaschine mit elektromechanischem Antriebssystem und einen Dammbalkenverschluss. Die Funktionsfähigkeit und die Effizienz der ökologischen Maßnahmen im Umfeld des Kraftwerks werden im Rahmen eines begleitenden Monitorings untersucht und dokumentiert werden. Mit der Fertigstellung des Kraftwerks Stegenwald wurde den Projektpartnern VERBUND und Salzburg AG zufolge ein Meilenstein für die Energietransformation im Bundesland gesetzt, der als Vorbild für zukünftige Wasserkraftprojekte gelten darf. Man kann guten Gewissens davon ausgehen, dass die 100 Millionen Euro, die in die Errichtung des neuen Salzachkraftwerks geflossen sind, eine gute Zukunftsinvestition darstellen. Apropos Salzburger Energiezukunft: VERBUND und Salzburg AG planen unweit vom Kraftwerk Stegenwald ein weiteres Salzachkraftwerk auf dem Gebiet der Gemeinde Golling, das den Strombedarf für 35.000 Haushalte abdecken könnte.

Kraftwerk Stegenwald Bauwerk Umgehungsgerinne
Stahlwasserbau für das Auslaufbauwerk der Fischabstiegseinrichtung von der oberösterreichischen Danner Wasserkraft GmbH.
© zek

Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 5/2025