Im norditalienischen Aostatal, eingebettet zwischen alpiner Topografie, industrieller Tradition und dem Flusslauf der Dora Baltea, zeigt das Projekt Aosta II ein wegweisendes Beispiel für die direkte Kopplung von erneuerbarer Stromerzeugung und industrieller Dekarbonisierung. Am Standort von Cogne Acciai Speciali S.p.A. (Cogne Edelstahl), einem traditionsreichen Edelstahlunternehmen in Aosta, wird grüner Wasserstoff für ausgewählte Produktionsprozesse direkt vor Ort erzeugt. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die StreamDiver-Technologie von Voith, die mit drei kompakten Turbineneinheiten nahezu 1 MW Leistung bereitstellt und damit die Wasserstoffelektrolyse kontinuierlich unterstützt.

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Erneuerbare Energie für die Stahlproduktion
Unter dem Namen „Green Hydrogen in Cogne“ verbindet das Projekt erneuerbare Stromerzeugung, Wasserstoffelektrolyse und industrielle Anwendung an einem Standort. Ende Juni 2026 wurde die Produktion von grünem Wasserstoff offiziell gestartet. Zum Gesamtsystem gehören ein 1-MW-AEM-Elektrolyseur, eine Photovoltaikanlage mit 300 kW sowie eine geplante jährliche Wasserstoffproduktion von bis zu 165 Tonnen. Einen wichtigen Rahmen bildet die europäische Förderarchitektur des italienischen PNRR: Das Projekt wurde über die Investitionslinie zur Erzeugung von erneuerbarem Wasserstoff in ehemaligen Industriearealen mit 7,9 Mio. Euro unterstützt und ist damit Teil der NextGenerationEU-Strategie für grüne Transformation und industrielle Dekarbonisierung. Ziel ist es, fossiles Erdgas in einem industriellen Wärmebehandlungsprozess zu ersetzen.
Wasserkraft und Photovoltaik für grünen Wasserstoff
Die Stahlindustrie steht europaweit unter hohem Transformationsdruck. Energieintensive Prozesse müssen langfristig dekarbonisiert werden, ohne Versorgungssicherheit, Produktionsqualität oder Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden. Für Cogne Acciai Speciali bedeutet dies nicht nur, erneuerbare Energie einzukaufen, sondern sie möglichst nahe am eigenen Verbrauchsort zu erzeugen und in industrielle Prozesse zu integrieren. Das Projekt fügt sich in eine bereits laufende Dekarbonisierungsstrategie des Betreibers ein. Cogne Acciai Speciali nutzt seit Jänner 2024 in seinen europäischen Werken Strom aus 100 % erneuerbaren Quellen. Gleichzeitig bleiben energieintensive thermische Prozesse eine zentrale Herausforderung, weil dort bislang fossiles Erdgas eingesetzt wird. Mit „Green Hydrogen in Cogne“ wird dieser nächste Transformationsschritt konkret: Erneuerbare Energie aus Wasserkraft und Photovoltaik wird direkt am Standort genutzt, um grünen Wasserstoff zu erzeugen und den Erdgaseinsatz in einem Wärmebehandlungsofen gezielt zu reduzieren. So wird aus bilanziell erneuerbarem Strom eine prozessnahe Dekarbonisierungslösung für die industrielle Anwendung. Genau hier setzt das Projekt Aosta II an. In unmittelbarer Nähe zum Werk wurde ein Wasserweg an der Dora Baltea neu erschlossen, um die Wasserkraft direkt in das Energiesystem des Industriestandorts einzubinden. Es handelt sich dabei um eine Neuanlage, bei der die drei StreamDiver-Einheiten in eine neu errichtete wasserbauliche Struktur integriert wurden. Die Wasserkraftanlage wird mit einer Photovoltaikanlage auf dem Werksgelände kombiniert. Der erzeugte Strom versorgt den Elektrolyseur, der Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Damit entsteht kein isoliertes Energieprojekt, sondern ein industrielles Gesamtsystem, in dem Wasser, Sonne, Elektrolyse und Stahlproduktion am Standort funktional ineinandergreifen.
Drei StreamDiver für die Wasserkraftnutzung
Für die Wasserkraftnutzung am Standort wurden drei StreamDiver-Einheiten von Voith vorgesehen. Zwei größere Einheiten des Typs SD-16.95 erreichen jeweils eine Leistung von 372 kW, ergänzt durch eine kleinere regulierbare Einheit des Typs SD-13.1 mit 218 kW. Zusammen ergibt sich eine mechanische Gesamtleistung von 962 kW; elektrisch stehen insgesamt 924 kW zur Verfügung. Die Turbinen sind für eine Nettofallhöhe von 2,9 m ausgelegt und nutzen die hydrologischen Bedingungen des neu gefassten Wasserwegs an der Dora Baltea mit hohen Durchflussmengen bei sehr geringer Fallhöhe.
Die Entscheidung für StreamDiver-Technologie folgt einer klaren technischen Logik. Bei niedrigen Fallhöhen werden klassische Kraftwerkskonzepte schnell baulich aufwendig und wirtschaftlich anspruchsvoll. Große Maschinenhäuser, umfangreiche Betonarbeiten und komplexe periphere Systeme können den Nutzen kleiner und mittlerer Wasserkraftstandorte erheblich reduzieren. Der StreamDiver verfolgt dagegen einen modularen Ansatz: kompakte, vollständig integrierte Turbinen-Generator-Einheiten, die direkt im Wasserweg installiert werden und mit möglichst wenig zusätzlicher Infrastruktur auskommen.
Die Turbinen arbeiten als spezielle Kaplan-Einheiten, die direkt mit Generatoren gekoppelt sind. Bei Aosta II kommen wassergekühlte Permanentmagnetgeneratoren des Lieferanten ELIN zum Einsatz. Die größeren Einheiten arbeiten mit einer Nenndrehzahl von 200 U/min, die kleinere regulierbare Einheit mit einem Drehzahlbereich von 180 bis 311 U/min.
Die automatische Turbinensteuerung umfasst digitale Governor-Funktionen, Start- und Stoppsequenzen, Synchronisierung sowie die Überwachung zentraler Betriebsparameter wie Drehzahl, Lager- und Wicklungstemperatur, Lagerverschleiß, Vibrationen und Wasserstand.
Modulares Wasserkraftkonzept bei niedriger Fallhöhe
Die hydrologischen Rahmendaten machen den Standort besonders anspruchsvoll. Mit einer Nettofallhöhe von lediglich 2,89 und 2,9 m befindet sich Aosta II klar im Niederdruckbereich. Gleichzeitig stehen relevante Durchflussmengen zur Verfügung: Die beiden größeren Einheiten sind jeweils auf 15,78 m³/s ausgelegt, die kleinere Einheit auf 9,3 m³/s. In Summe ergibt sich ein Konzept, das nicht auf eine einzelne große Maschine setzt, sondern auf die flexible Kombination mehrerer Einheiten.
Dieser Mehrmaschinenansatz ist für den Standort entscheidend. Während die beiden größeren StreamDiver-Einheiten den Hauptanteil der Energieerzeugung übernehmen, erweitert die kleinere regulierbare Einheit den nutzbaren Betriebsbereich. Sie ermöglicht eine feinere Anpassung an wechselnde Durchflüsse und unterstützt damit eine gleichmäßigere Energieversorgung für die Elektrolyse. Gerade für Wasserstoffprojekte ist diese Betriebsqualität zentral: Elektrolyseure profitieren von planbarer, kontinuierlicher Stromversorgung, auch wenn erneuerbare Quellen naturgemäß Schwankungen unterliegen.
Im Zusammenspiel mit der Photovoltaikanlage entsteht dadurch ein hybrides Energiesystem. Die Photovoltaik liefert insbesondere tagsüber zusätzliche Leistung, während die Wasserkraft eine kontinuierlichere Grundversorgung ermöglicht.
Kompakte Wasserkrafttechnik für den Industriestandort
Ein weiteres Argument für den Einsatz der StreamDiver-Technologie liegt im reduzierten baulichen Aufwand. Die Einheiten sind kompakt, modular aufgebaut und für eine schnelle Montage konzipiert. Für industrielle Standorte ist dies ein entscheidender Vorteil: Bauzeiten, Eingriffe in bestehende Infrastruktur und Betriebsunterbrechungen lassen sich reduzieren.
Der StreamDiver ist für kleine Wasserkraftstandorte ideal, bei denen Bauaufwand und periphere Ausrüstung möglichst gering bleiben sollen. Genau diese Eigenschaft macht die Technologie für Aosta II besonders interessant: Nicht die maximale Einzelmaschinenleistung steht im Vordergrund, sondern die effiziente Nutzung des standortnah erschlossenen Wasserpotenzials zur Versorgung eines industriellen Transformationsprojekts.

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Ölfreie StreamDiver-Technologie für den Gewässerschutz
Neben der kompakten Bauweise ist die ökologische Ausführung der StreamDiver-Einheiten ein zentraler Aspekt. Die Technologie kommt ohne Öl- und Fettschmierung im wasserberührten Bereich aus. Die Lager sind wassergeschmiert, wodurch das Risiko von Schmierstoffeinträgen in das Gewässer deutlich reduziert wird.
Auch im Betrieb ergeben sich Vorteile. Die vollständig unter Wasser installierten Einheiten arbeiten sehr geräuscharm und sind auf lange Wartungsintervalle ausgelegt. Der modulare Aufbau reduziert die Komplexität der Anlage und erleichtert die Instandhaltung. Entscheidend ist die zuverlässige Einbindung in das übergeordnete Produktionssystem. Ausfälle oder aufwendige Wartungseingriffe betreffen demnach nicht allein die Energieproduktion, sondern auch die Wirtschaftlichkeit der Wasserstofferzeugung. Gerade in der Kopplung mit der Elektrolyse zählt vor allem eine verlässliche, planbare Stromversorgung für einen zukunftssicheren Produktionsalltag.
Grüner Wasserstoff reduziert den Erdgaseinsatz
Während in der klassischen Primärstahlherstellung häufig Koks eingesetzt wird, um dem Eisenerz Sauerstoff zu entziehen, kann grüner Wasserstoff diese Funktion in wasserstoffbasierten Direktreduktionsverfahren perspektivisch CO2-ärmer übernehmen. Bei Cogne Acciai Speciali setzt die Transformation jedoch an einer anderen, unmittelbar umsetzbaren Stelle an: Der vor Ort erzeugte Wasserstoff soll den Erdgaseinsatz in einem Wärmebehandlungsprozess reduzieren und damit einen konkreten Schritt zur Dekarbonisierung des bestehenden Werks ermöglichen.
Der Elektrolyseur soll bis zu 165 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr produzieren. Durch dessen Einsatz sollen jährlich rund 115.000 m³ Erdgas eingespart und etwa 230 Tonnen CO2-Emissionen vermieden werden. Diese Zahlen zeigen zugleich die Stärke und die Grenze des Projekts: Aosta II dekarbonisiert nicht auf einen Schlag die gesamte Stahlproduktion. Vielmehr handelt es sich um einen konkreten, industriell eingebetteten Schritt, bei dem grüner Wasserstoff dort eingesetzt wird, wo er technisch und prozessual bereits sinnvoll integriert werden kann.
Die globale Dekarbonisierung energieintensiver Industrieprozesse wird nicht allein durch Großprojekte erfolgen. Sie braucht auch dezentrale, skalierbare und standortnahe Lösungen, die erneuerbare Energie direkt mit industriellen Anwendungen verbinden.

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Integration in den bestehenden Industriestandort
Der Projektverlauf folgte einem engen, klar strukturierten Zeitplan. Der Vertrag für den Voith-Lieferumfang wurde am 10. Juni 2024 unterzeichnet. Lieferung und Einbau der drei StreamDiver-Einheiten erfolgten im September 2025. Die elektrische Fertigstellung wurde am 8. April 2026 gemeldet; die Commissioning- und Testing-Aktivitäten konnten bereits am 23. April 2026 erfolgreich abgeschlossen werden. Damit waren die wesentlichen technischen Voraussetzungen geschaffen, um die Wasserkraftanlage in das übergeordnete Green-Hydrogen-System am Standort einzubinden.
„Entscheidend ist, die Verbindung zwischen Planung und Umsetzung wirklich zu verstehen. Wer Montage und Inbetriebnahme vor Ort erlebt, erkennt Schnittstellen früher, kann Entscheidungen fundierter treffen und dem Kunden auch in anspruchsvollen Situationen sicher begegnen. Für mich ist genau diese Nähe zur Praxis besonders wertvoll – insbesondere dann, wenn am Ende alle Komponenten zuverlässig zusammenspielen und die technische Lösung gleichzeitig einen konkreten Beitrag zur CO2-Reduktion leistet.“
Georg Hackl, Projektleiter Voith Hydro Österreich.
Wasserkraft verbindet Energie und Industrie
Für das Aostatal besitzt das Projekt auch eine regionale Dimension: Es verbindet alpine Wasserkraft, industrielle Geschichte und den Anspruch, wirtschaftliche Entwicklung mit ökologischer Verantwortung zu koppeln. Mit „Green Hydrogen in Cogne“ wird diese Standorttradition um eine neue energiepolitische Komponente erweitert. Es zeigt, wie kleine und mittlere Wasserkraftstandorte künftig international stärker in industrielle Energiesysteme eingebunden werden könnten – nicht nur zur Einspeisung ins Netz, sondern auch zur direkten Versorgung von Elektrolyseuren, Rechenzentren, kommunalen Versorgungsnetzen oder energieintensiven Produktionsprozessen.

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Modulare Wasserkraft als Teil der Dekarbonisierung
Für Cogne Acciai Speciali ist die Wasserkraftanlage ein konkreter Baustein auf dem Weg zu emissionsärmeren Produktionsprozessen. Für Voith zeigt Aosta II, wie modulare Niederdrucktechnologie in industrielle Anwendungen hineinwachsen kann. Für die Branche wird deutlich, dass grüner Wasserstoff nicht allein von der Elektrolyseurleistung abhängt, sondern von der Qualität der erneuerbaren Energieversorgung dahinter. Damit steht Aosta II für einen pragmatischen, technisch fundierten Weg der Transformation: vorhandene Ressourcen nutzen, bauliche Komplexität reduzieren, erneuerbare Energie lokal erzeugen und industrielle Prozesse Schritt für Schritt dekarbonisieren. Das Projekt „Green Hydrogen in Cogne“ wird von der Europäischen Union – NextGenerationEU finanziert.
Erschienen in zek HYDRO, Ausgabe 4/2026





